Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 18 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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278 JUNG ISRAEL Kein Erwachsener trank Kaffee; auch jedes Mädchen wartete erst das „Schofarblasen" ab, ehe es eine leibliche Nahrung nahm. Da es aber damals nicht gebräuchlich war, daß unverheiratete Mädchen in Schul gingen, sie auch nicht Platz gefunden hätten, sammelten sich diese am Eingänge der Schul an und harrten daselbst geduldig aus, bis die schmetternden Klänge ihr Ohr erreichten. Dann aber jagten sie alle vom Hunger getrieben nach Hause. Männer, Jünglinge, halbwüchsige Knaben, zahlreicher noch die Beterinnen der Weiberschul drängten sich aus den Schulpforten. Der Gottesdienst in Schul erlitt dadurch keinen Abbruch. Er hatte am Morgen früh begonnen. Einer der Baalbatim, Familienhäupter, leitete Schachris, die Frühandacht ein. Die Vorbeter des Schachris waren stimmbegabte, fachkundige Männer, die es verstanden, die Jahrhunderte alten Melodien in herkömmlicher Weise, rein, unverfälscht, wohltönend und herzbeklemmend vorzutragen. Doch nur bei gewissen, bevorzugten Gebetstücken war es Pflicht, sich an diese Ueberlieferung zu halten. Neben denselben gab es noch zahlreiche Hymnen, bei denen die Wahl der Melodie völlig freigegeben war, die sie daher nach selbstgeschaffener Komposition vortrugen. Es war keine kleine Ehre, ein anerkannter Baal Tefillah, Vorbeter, zu sein. Es war dies ein vielbeneidetes, vielumworbenes, oft auch vielbestrittenes Ehrenamt. Wer der glückliche Besitzer eines solchen durch drei Jahre ununterbrochenen gewesen war, der besaß ein bleibendes Anrecht, Chasakah, darauf. Er behielt es dann durch sein ganzes Leben und das konnte ihm nimmer streitig gemacht werden. Noch auf Grabsteinen konnte man lesen, daß der Schläfer unter diesem Grabhügel solch eine Würde inne hatte. Es bot die verläßlichste Gewähr, daß der Entschlummerte ein guter, tadelloser Mensch, ein frommer, gesetzestreuer und gesetzeskundiger Jude gewesen war; denn nur ein solcher konnte die Herzen rühren und zur Andacht stimmen und für den Glauben erwärmen. In schneeweißen Sterbekleidern, dem Leinwandkittel, ein weißes mit Gold oder Silber betreßtes Käppchen auf dem Kopfe, im Wolltallis eingehüllt, der auch das Haupt bedeckte, so standen sie da, die priesterlichen Gestalten. Mit welcher Zerknirschung, Demut und Inbrunst riefen sie den Himmel um Kraft und Beistand für ihre Aufgabe an, daß ihnen die Stimme nicht versage, daß sie Heil erwirken ihrer Gemeinde, und daß