Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 17 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUNG ISRAEL 261 Zeiten, dem Talmud. Und wie klar und deutlich, wie einfach und faßlich wußte er es zu tun. Mit sanfter Hand leitet er den Lehrenden sowohl als auch den Lernenden und räumt spielend leicht die Hindernisse ihnen aus dem Wege. Seine Tätigkeit aus dem Gebiet des Erklärens war so segensreich und fruchtbringend, daß dadurch das Talmudstudium eine solche Ausdehnung und liebevolle Pflege gesunden, wie man es früher gar nicht für möglich gehalten hätte, denn Raschis Geist hat den Weg geebnet, seine Winke haben die Richtung angegeben. Wenn aber auch Raschi mit Recht als der hervorragendste Mann seines Zeitalters angesehen, verehrt und geliebt wurde, so vermochten diese äußeren Ehrenzeichen seine Bescheidenheit nicht zu vermindern, seine Demut nicht zu verringern. Ein Pochen aus seine Wissenschaft ist ihm jederzeit fremd geblieben, und niemals dachte er auch nur im entferntesten daran, sich auf seine Verdienste etwas zugute zu tun. Raschi hatte keinen Sohn, wohl aber drei Töchter, die er, wie ja nicht anders zu erwarten war, gelehrten Männern zu Frauen gab. Uebrigens sieht es fest, daß eine der Töchter im Talmud soviel Gelehrsamkeit besaß, daß sie, als der Vater einst einige Zeit ans Krankenlager gefesselt war, ihm sämtliche während dieser Zeit eingelaufenen Anfragen vorlesen und die ihr diktierten Antworten niederznschreiben vermochte hatte. Im Jahre 1105 starb Raschi, doch sein Andenken wird sortleben für ewige Zeitein und wer vom Stamme Israels, noch im Lenze des Lebens stehend, die Geschichte dieses in seinen Leistungen unerreichten Mannes liest, wird es sicherlich nicht ohne Nutzen tun, denn es wird sich ihm die Ueberzeugnng ausdrängen, daß redliches Streben zum Ziele führt, daß man, um als Mann Anerkennung zu erringen, schon in der frühen Jugend fleißig, tätig, emsig und ausdauernd sein müsse, daß Demut und Bescheidenheit die Merkmale großer Meister sind, und daß es nicht genüge, ans hervorragende Verdienste der Vorfahren zu pochen, sondern daß man, um würdig zu sein, s e l b st verdienstlich wirken muß.