Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 16 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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250 JUNG ISRAEL uns zog er nämlich selbst in den Kamps nnd empfing nicht bloß, wie es heute allgemein üblich ist, Berichte, wie viel Mann gefallen sind. Zur Zeit, als wir bei Reb Jassef, dem Schlechten, lernten, war Motke, des Fleischhauers Sohn, unser König. Würden die Schuljungen Geschichte schreiben, sie hätten ihn sicherlich „Motke, der Gerechte" genannt, denn er hielt sich streng ans Gesetz nnd regierte mit' Gerechtigkeit. Wir wurden von ihm nicht unterdrückt, auch nahm er keine Bestechung an nnd duldete keine Zwischenträgereien. Besonders gut vertrug er sich mit mir. Erstens, weil ich sein Nachbar war und' zweitens, weil meine Mutter immer bei seinem Vater das Fleisch kaufte. Er wollte mich auch anfangs zu seinem Stellvertreter ernennen, aber da ich der Jüngste und Schwächste war, so duldeten das die anderen nicht. „Ein solcher Knirps Stellvertreter eines-Königs?" schrieen sie. Und so wurde ich Reichskanzler, zwar kein geringeres Amt, aber ein leichteres. Und dann war ich ja der Einzige, der eine große Feder besaß, sodaß ich imstande war, die Protokolle zu schreiben, was doch ebenfalls in den Bereich eines Reichskanzlers fällt. . . . In den Friedenszeiten herrschte bei uns vollständige Ruhe, und jeder ging seiner Pflicht nach und leistete dem Könige Gehorsam. Auch ch hatte nicht viel zu tun, nur daß ich selten ein „Protokoll" zu schreiben hatte, sobald ein Kollege mit dem anderen Streit gehabt und zu mir geführt wurde. . . . Unserer Lehrftube gegenüber war eine zweite mit einem selbständigen Königtum. Dieses war jedoch ein wildes, barbarisches. Der König, zwar schon ein „Gemarah-Junge", aber dennoch kriegsüchtig, verlangte, daß unser Reich ihm einen Tribut von 12 Knöpfen zahlen sollte. Ein solcher Tribut war aber für uns fast unerschwinglich, sodaß wir nicht einwilligen konntet!. Als er zum zweitenntal durch seinen Stellvertreter sagen ließ, daß wir ihm endlich für die abgelaufenen Wochen zahlen müßten, berief unser König nochmals einen Ministerrat in den Garten hinters Haus, und wir beschlossen, die 12 Knöpfe wöchentlich nicht zu zahlen. Obwohl sich in dem Schatze fast 30 Knöpfe befanden, so sahen wir uns dennoch zu diesem Beschlüsse berechtigt, da man doch an dem Staatsschatz nicht rühren darf. Darauf ließ uns der andere König sagen, wir möchten ihm bis zum Abend die 24 Knöpfe schicken, sonst werde er mit seinem ganzen