Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 13 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUNG ISRAEL 207 Das Ghetto in Venedig. Wie eine kostbare Perle, von einem goldenen Sonnenringe eingefaßt, liegt zwischen Himmel und Meer „ln bella Venezia", das schöne Venedig. Und doch — inmitten dieser alten Dogenstadt befindet sich ein eigenartiges Stadtviertel: das alte Ghetto, in dem noch eine große Anzahl Juden streng orthodox in ihrem Glauben lebt. Ihre Synagoge kann sich wohl mit den anderen herrlichen Bauwerken der Stadt messen. Ein prachtvolles Bauwerk ist dieser „Tempio Jsraelitico spagnuolo", den die eingewanderten spanischen Juden im Jahre 1655 von dem großen Baumeister Longhena errichten ließen, demselben, der die Prachtvolle, stolze Kirche „Maria di Salute", die aus der anderen Seite des Canal grande liegt, geschaffen hat. Das Ghetto liegt, wenn man vom Markusplatz den Canal grande entlang gondelt, zur rechten Seite, und schon von Weitem fragen wir uns erstaunt, was das für riesengroße, fünfstöckige, „amerikanische" Häuser sind, die so düster über die alten, prachtvollen Palazzi ragen. Es sind die ersten Häuser des Ghetto, dessen Straßen noch enger, noch menschengefüllter sind, als die der anderen Stadtteile Venedigs. Wenn wir uns durch die schmalen Gassen drücken, werden wir von einem ganzen Schwarm schmutziger, schwarzäugiger Buben und Mädchen begleitet, die auf klappernden Holzschuhen uns umkreisen, dabei alle nur um einen Soldo bettelnd. Aber wenn wir nicht wüßten, daß wir im Ghetto sind, würden wir es kaum merken. Denn die Gesichter der Bewohner sind fast rein italienisch, nur selten, daß ein Gesicht mit der charakteristisch semitisch gebogenen Nase aussällt. Aber die Häuser — wenn wir weiter in das Ghetto hineinkommen, finden wir noch ganz alte, aus deren Mauerspalten Blumen und Gras wachsen — bieten oft einen außerordentlich pittoresken Anblick. Einige sind über 500 Jahre alt. In die Straßen, wo die vielfenstrigen Riesenhäuser stehen, kommt fast gar kein Strahl der goldenen Sonne, die mit so verschwenderischer Pracht und Glut über der übrigen Stadt liegt, und von dem blauen Himmel ist nur ein schmaler Spalt sichtbar. Die Cholera und die Pest waren in früheren Zeiten häufige, entsetzenbringeude Gäste Venedigs, uud mau denkt unwillkürlich mit