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Israelitischer Jugendfreund · 1905-01-01 · 13 (1905) · p. Seite 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
11 (1905) Jung Israel
Issue
13 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 201 (sequence 15)
Language
German
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JUNG ISRAEL 20 j Gillespie war vollkommen fassungslos; die Vorgänge der letzten Minuten hatten geradezil beteitbenb auf ihn gewirkt. Er war jung und voller Enthusiasmus; die Idee, die Juden der Ostseite zum Christentum zu bekehren, entstammte seinem Hirn allein, war ganz und gar sein Unternehmen, das er ohne irgend welche Bezahlung und ohne Aussicht auf irgend welchen Lohn unternommen hatte. Da er deutsch recht gut sprach und auch etwas russisch verstand, hatte es ihm nicht viel Zeit gekostet, sich den eigentümlichen, russisch-deutschhebräischen Dialekt zu eigen zu machen. Dann kam dieser Straßengottesdienst, der plötzliche Ausbruch verachtungsvollen Spottes, der sich zur Wut steigerte, ehe er noch ein paar Dutzend Worte der feierlichen, von ihm fo sorgsam ausgearbeiteten Predigt gesprochen, der Ansturm, der Stein, der seine Wange traf und — nur dunkel erinnerte er sich daran — das energische Eingreifen des jetzt neben ihm Stehenden zu seinetn Schutze. Wie gern war er bereit, den Helfer aus der Not zu begleiten oder sonst irgend etwas zu tun, um ihn: seine Dankbarkeit zu zeigen, um so mehr, da er ja dort einen Moment der Erholung finden würde. Er fühlte das Bedürfnis über das Vorgefallene in Ruhe Nachdenken zu können. Sein Beschützer führte ihn in eine nahebei gelegene große Mietskaserne, leitete ihn durch den Hof nach dem Hintergebäude und schritt ihm dann voran, — vier schmutzige, steile Treppen empor. Oben angelangt, öffnete er eine. Tür und der Geistliche trat in einen Rainu, welcher, den sehr gemischten Gerüchen nach zu schließen, gleichzeitig als Wohn-, Schlaf-, Eßzimmer und Küche diente. In der einen Ecke stand ein Sofa, auf welchem ein anscheittend schlafender Mann lag. Sein langer, grauer Bart hob und fcnfte sich auf der Decke bei den regelmäßigen Atemzügen, aber seine Wangen waren eingesunken und die Hände, welche sich um den Rand der Decke krantpftett, mager und blutlos. „Ruhen Sie sich ein wenig aus," sagte der große Mann zu dem Geistlichen, „es hat Sie scharf mitgenommen." Gillespie setzte sich und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, er war wirklich müde, es schien ihm eine wahre Erquickung, daß er sitzen durfte. Jetzt begann er auch seinem Beschützer zu danken^ aber bei dem Klange seiner Stimme blitzte es in den Augen des Mannes auf.

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