Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 13 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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202 JUNG ISRAEL „Hören Sie zu!" rief er aus, indem er sich vorbeugte und die Hand gegen den Geistlichen ausstreckte. „Hören Sie auf das, was ich Ihnen fagen werde. Ich habe Sie hierher gebracht weil ich Sie für einen ehrlichen Mann halte. Sie find hierhergekommen, um den Juden zu predigen und sie dazu zu bewegen, die Lehren der Propheten zu vergessen und zu glauben, daß der Messias wirklich gekommen sei. Aber um Juden zu predigen, müssen Sie diese Inden erst kennen. Und um Ihnen einen Juden zu zeigen, habe ich Sie hierhergebracht. Ter alte Mann, den Sie dort sehen, -- nein, er schläft nicht. Er stirbt! Sie erschrecken? Seien Sie unbesorgt, er leidet an keiner ansteckenden Krankheit. Tie Kunst der Aerste kann für ihn nichts tun. Er ist ja ein alter Mann, müde vom Kampfe ums Dasein, verbraucht, langsam verlöschend wie ein ausgebranntes Licht. Oh, er wird seine Augen wieder öffnen, wird auch essen, aber es gibt keine Hoffnung mehr für ihn. In kurzer Zeit must alles vorüber sein. Er ist ein Jude. Wir, er und ich, kcunen zusammen von Rustland hierher und haben nahezu ein Viertelsahrbundert lang Schulter an Schulter gearbeitet und gestrebt. Für ihn war immer die Religion Lebenslust, und er hätte von ihren Vorschriften und Lehren ebensowenig abweichen können, als leben, ohne 51t atmen. Es war ein harter Kamps, diese Sklavenarbeit Jahr für Jahr, vom Morgengrauen bis zur Dunkelheit, ohne die Möglichkeit, etwas zu sparen, ohne Aussicht, vorwärts zu konunen, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Ost genug verlor ich den Mut, er aber bewahrte iinmer seinen Frohsinn. Tenn er besäst den echten Glauben, der ihn aufrecht hielt, und fand stets ein Lächeln, ein tröstendes Wort oder ein passendes Zitat aus dem Talnmd, um auch mir neuen Mut einzuslösten. Er argumentierte mit mir. er redete mir tröstend zu, er las mir die Worte des Gesetzes und die Auslegungen der gelehrten Rabbiner vor, nimmer ermüdeich, immer sanft, geduldig, liebevoll — Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und dabei arbeiteten wir zusammen für das tägliche Brot, litten, hungerten und mustten gar inanches Unrecht, manche Beschimpfung erdulden. Und immer von neuem wiederholte er die Mahnung aus dem Talmud: „Ter Mensch soll nimmer vergessen, dast alles, was Gott tut, zu seinem Besten dient." Aber plötzlich lächelte ihm das Schicksal. Ein unerwartet