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Israelitischer Jugendfreund · 1905-01-01 · 13 (1905) · p. Seite 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
11 (1905) Jung Israel
Issue
13 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 200 (sequence 14)
Language
German
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200 JUNG ISRAEL dnbefecbrt* Eine Geschichte aus dem Ghetto von New-Iork von Bruno Messing übersetzt von I. W ei mann. Der Missionsprediger Thomas Gillespie, der eben eine Predigt hielt, um die versammelten Juden Zum Christentum zu bekehren, mußte unwillkürlich seine Augen auf einen hochgewachsenen alten Mann in der ersten Reihe des Menschenhaufens, der ihn umdrängte, richten; es fiel ihm auf, wie durchdringend die großen braunen Augen dieses Menschen ihn anblickten. Plötzlich traf ein Stein den Prediger mitten ins Gesicht, drohende Rufe wurden laut, enger und enger umschloß ihn die Menge, und es würde ihm übel ergangen sein, wenn sich der große braunäugige Manu nicht in diesem Augenblick umgewandt und mit einer Stimme, welche wie ein Trompetenstoß durch den Lärm drang, gerufen hätte: „Rührt ihn nicht an! Zurück!" Die Menschenmasse kam zu einem plötzlichen Halt. Den Rücken zu dem Prediger gewandt und in die zornroten Gesichter vor ihm schauend, wiederholte der Sprecher: „Rührt ihn nicht an! Er ist ein ehrlicher Mann und hat nichts Böses gegen uns im Sinn. Was er tut, tut er aus Ueberzeugung — er ist nur im Jrrtume. Und wer noch einen Stein nach ihm wirft, macht sich eines Verbrechens schuldig. ,Vor meinem Angesicht,' spricht der Herr, ,ist kein Unterschied zwischen Juden und Heiden. Wer gutes tut, dem will ich dafür lohnen.' Geht Eures Weges, Freunde!" Wie Oel auf sturmerergte Wogen wirkten die Worte;, in wenigen Minuten hatte sich der Menschenhaufen zerstreut, und der Sprecher konnte dem zu Boden gestürzten Prediger von der „Ostseite- Juden-Mission", dessen erster Straßen-Gottesdienst ein so plötzliches Ende gefunden hatte, aufhelfen. „Freund," sagte er dann zu dem Geistlichen, „haben sie ein paar Minuten Zeit? Wenn ja, so begleiten sie mich nach Hause. Ich wohne ganz in der Nähe und möchte gern mit Ihnen reden."

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