Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1905-01-01 · 12 (1905) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
11 (1905) Jung Israel
Issue
12 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 182 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9620171-9626617-9622854--1641-9622864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

182 JUNG ISRAEL ein blendend weiß gedeckter Tisch, und ein junges Weib war beschäftigt, denselben zu schmücken. Sie legte zwei geflochtene Brote auf den Tisch, die sie dann mit einer genickten Decke verhüllte, stellte daneben eine Flasche Wein und einen goldenen Becher. Außerdem Obst und Blumen in die Mitte, gerade unter mich. Dann trat sie an mich heran (sie selbst war in festlicher Kleidnngi mit einer brennenden Kerze und entzündete die Dochte meiner acht Zacken, woraus sie in inniger Andacht die Hände ansgebreitet vor's Gesicht hielt, sodaß ich sie für einen Augenblick nicht sehen konnte, und laut einen Segensspruch sagte. Ach, wie wann, wie wohl wurde es mir! Ich fühlte, daß Licht und Freude non mir ansstrahlte. Noch mehr ward ich mir dessen bewußt, als kurz darauf der Gatte dieser jungen Frau ins Zimmer trat, nüt innigem „Gut Schabbes"-Grnß von ihr empfanden, wie sie beide glückselig zu mir traten und die Frau ganz freudig sagte: Sieh nur, wie schön unsere Schabbeslampe brennt. Da fühlte ich, daß ich einem jungen Eheglück meines Lenchtens Glanz und Wärme leihen durste, und in zwei glückstrahlenden Angeilpaaren mein Licht sich abspiegeln sah." „Das war gewiß der schönste Tag deines Lebens," sagte der Haken ganz gerührt. „Ein schöner wohl, aber lange nicht der schönste," versetzte die Lampe und fuhr dann fort: „Damals meinte idi auch, daß es eine Steigerung jenes Hochgefühls, das ich allwöchentlich, wenn ich in mein Recht trat, empfand, nicht mehr gebe. Doch als nach einigen Jahren zwei reizende Kinderarme sich nach meinem Glanze und Lichte verlangeild ansstreckten tind Kinderjauchzen alt mein Ohr drang, da war mein Glück von früher ttichts gegen die überwältigende Freude, die mich da durchströmte. Ich war gewiß nicht welliger glücklich als das junge Elternpaar, dessen Glück durch den Besitz des Kindes eine so große Bereicherullg erfahren hatte." „Wie viel schönes hast du doch erlebt!", seufzte der Haken. „Ich lebte jede Woche llnr einen Tag, aber das gab mir Inhalt genug," fuhr die Lampe wie im Selbstbespräch fort. „Ich sah nicht immer Glück imb Freude, viele, viele Mühen und Sorgen sah ich die Woche hindurch, viele Hoffnungen lind Enttäuschungen erlebte ich mit, viel Arbeit unb Plage sah ich mit an. Das Leben zeigte sich meinen Besitzern nicht immci* von der rosigsten Seite. Aber wenn i ch brannte, wenn mein Licht leuchtete, wenn der Schabbes einkehrte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.