Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 9 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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142 JUNG ISRAEL sofort viel Notiz von dem Besuche und lud ihn durch eine Handbewegung ein, sich einstweilen auf einem Stuhle uiederzulassen. Ueber diese Behandlung war der adlige Herr empört und äußerte: „Herr Baron, ich bin ein Graf!" „So? — ein Graf? — Nun, dann nehmen Sie sich zwei Stiihle!" Wohl nur um den ausgeprägten Zahlensinn des Welthauses zu glorifizieren, wird erzählt, daß der Baron einem ihn auf der Straße ansprechenden Polacken einen Kreuzer schenkte; nichtsdestoweniger erwiderte der enttäuschte Schnorrer höflich: „Vergelt's Gott tausend Male!" „Was hätte ich dann?" antwortete jener, „sechzehn Gulden vierzig." Als eines Tages Baron von Rothschild — Kenner behaupten, das müsse Meyer Amschel gewesen sein — über die Zeil spazieren ging, hing ihm das seidene Taschentuch aus der Hinteren Rocktasche heraus. Ein Vorübergehender nahm wahr, daß ein Langfinger dem Geldfiirsten dieses Stücklein 'Seide git entwenden trachtete und sagte: Herr Baron, da hinne is c Kerl, der Ihne Ihr Sacktuch stehle will." Schalkhaft lächelnd erwiderte der Angefprochene: „Lassen Sie ihn nur gehen, nur haben alle klein angefangen!" Wenn man älteren Frankfurtern glauben darf, pflegte das Haus Rothschild gelegentlich diejenigen zu strafen, welche die Achtung vor seiner ungeheueren Geldmacht verletzten und sich über seine Geschäftsgebräuche aufhielten. So geschah es, daß ein kleineres, aber angesehenes Frankfurter Baickhaus unhöflich wurde, als Samstags auf einen fälligen Wechsel kein Geld vom Hause Rothschild zu erhalten war, weil am Cobbath nicht gezahlt werden durfte. Baron von Rothschild rächte sich dadurch, daß er alle Wechsel seines Kollegen aufkaufen und sie am Fälligkeitstermine nicht präsentieren ließ. Er häufte Wechsel auf Wechsel und zwang dadurch das Bankhaus, die zur Zahlung notwendigen Summen stets vorrätig zu halten, da jede Minute der Kassierer vorsprechen und die Papiere zur Zahlung vorweisen konnte. Dem kleinen Bankhause wurde es schwül. Sein Chef sprach bei Baron von Rothschild vor, entschuldigte sich wegen des den letzteren so sehr erregenden Vorfalles, und der Friede tvar wieder geschlossen. Häufig verläßt das Gespräch über den Baron von Rothschild den Boden des Witzes und des Sagenhaften und wendet sich den beiden