Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 5 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUNG ISRAEL. 78 VON V. SIMON. Iwei Mark. Ein so vergnügtes Gesicht, wie Rudolf heute machte, hatte man lange an ihm nicht gesehen. Er kam sich so ruhig und glücklich vor wie ein König, ja beinahe wie der Kaiser, der morgen im Städtchen erwartet wurde, und den alle Schulkinder begrüßen sollten mit Gesang und Hurrahruf. Zwar ,,alle Schulkinder" konnte man nicht mit Bestimmtheit sagen, der Herr Rektor hatte nur angekündigt, daß alle, die ganze Kleider anzuziehen hatten, sich in der Schule versammeln dürfen, um dem geliebten Landesvater bis zum Bahnhos entgegenzuziehen. Das war nun für Rudolf keine Frage, denn er hatte immer gute Kleider an. Seine Eltern waren wohlhabend und ließen ihren Sohn an nichts Mangel leiden; ja, sie gaben ihm oft noch mehr, als er brauchte, wie z. B. heut, wo die Mutter ihm zwei Mark geschenkt hatte, damit er aus den Markt gehen konnte, der in den Straßen abgehalten wurde, und entweder sich etwas kaufe oder in die Menagerie oder Schießbude gehe. Deshalb sah er so vergnügt aus und hielt sein Geldstück fest in der Hand, noch immer überlegend, wie er es ausgeben und verwenden sollte. An der Ecke des Georgenplatzes, da wo die Reihe der aufgeschlagenen Buden ihren Anfang nahm, begegnete dem Knaben einer seiner Schulkameraden, Willy, der Sohn einer Witwe, die sich und ihren Sohn nur kümmerlich ernähren konnte. Willy war aber trotz seiner Armut, trotz des sehr geflickten, ausgewachsenen Rockes, den er trug, immer vergnügt. Um so mehr wunderte es Rudolf, ihn heute so niedergeschlagen über die Straße schleichen zu sehen. Sein gutes Herz regte sich sofort. „Gewiß hat der arme Willy keinen Pfennig Marktgeld bekommen und möckte auch gerne in die Menagerie. „Ich werde für ihn und für mich bezahlen, dann behalte ich doch noch genug, um mir Knallerbsen und Pfeffernüsse zu kaufen," dachte er bei sich selbst und lud den Knaben freundlich ein, mit ihm in die Bude zu treten. Willy schüttelte den Kopf. Erst jetzt sah sein Kamerad, daß Tränen in seinen Augen standen. „Das ist es nicht, weshalb ich traurig bin," sagte er, „die Menagerie und den ganzen Markt wollte ich gerne aufgeben, wenn ich nur wenigstens meinen lieben Kaiser morgen sehen könnte! Aber, daß ich nicht mit auf den Bahnhof darf, keine Fahne tragen und „Heil Dir im Siegerkranz" mitsingen darf, das ist zu schlimm!" Dabei unterdrückte er nur mühsam das Schluchzen. Rudolf hatte eben ein erstauntes „Warum denn nicht?" auf den Lippen, da fiel sein Auge aus den gestickten Rock des Kameraden. „Willy,"