Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 4 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-Z~*' \m £» 54 JUNG ISRAEL. zur frischen Besohlung Stücke aus der Spange ausschneideu zu lassen. Der Lederherz lieferte den Vorrat, und dazu trug er noch sein Schild mit sich herum; denn die Ellenbogen seines Nockes waren mit Lederstücken besetzt, in Herzform ausgeschnitten. Ich war bald ein Jahr im Dorfe, der Lederherz hatte nie versucht, irgend ein Geschäft mit mir zu machen. Meiner Frau kaufte er indessen die Federn von unseren Gänsen ab, und sie machte auch zuweilen einen Tauschhandel mit ihm, wobei sie oftmals seine Redlichkeit und Klugheit rühmte und mir auch von seinen Lebensverhältnissen erzählte. Er war der älteste von vier Geschwistern und hatte, wie er sagte, „das Heiraten versäumt"; denn er mußte für die anderen sorgen, denen er aus seinem Erwerbe zur Begründung eines Hausstandes verhalf. Jetzt, sagte er, habe er's leicht, denn er habe nur noch seine alte, bald achtzigjährige Mutter zu ernähren. Erst im zweiten Winter wurde ich selbst mit ihm bekannt. Er war auf die Bedürfnisse aller Menschen bedacht, und so brachte er mir hohe Selzstiefel, die ich jetzt noch habe. Er erklärte mir mit klugem und gutherzigem Lächeln, daß ich die Stiefel haben müsse, wenn ich im strengen Winter ins Nachbardorf oder nach den entfernten Bauernhöfen zu Krankenbesuchen fahre. Er trank bei uns eine Tasse Kaffee — eine andere Speise nahm er nicht — und ich gewährte es ihm gern, daß er dabei sein schwarzes Sammetkäppchen anfsetzte. Ich bezahlte ihm den Kaufpreis für die Stiefel sogleich bar; er sagte, das habe ja uicht solche Eile, aber ein eigner Glanz trat in sein großes, dunkles Auge, als ich ihm das Geld darreichte und dabei in hebräischer Sprache den Vers 14 und 15 aus 5. Buch Moses Capitel 24 sprack: „Du sollst dem Dürftigen und Armen seinen Lohn nicht vorenthalten; er sei von deinen Brüdern oder von den Fremdlingen, die in deinen Toren sind. An demselben Tage sollst du ihm seinen Lohn geben, und es soll die Sonne nicht darüber untergehen". Der Lederherz war eine lange, knochenstarke Gestalt; man sah ihm aber an, daß er sich schlecht nährte. Denn sechs Tage in der Woche lebte er fast nur von Brot, Kaffee und Kartoffeln, nur selten gönnte er sich eine Eier- oder Mehlspeise, die er bei seinem Gastsreunde, dem Schuster Lipp, in eigenem Geschirr selbst bereitete. Mit dem Schuster Lipp lebte er in inniger Freundschaft, die sich aber auch in beständigen Neckereien und Religionsstreitigkeiten kundgab. Der Schuster Lipp war ein Schriftgrübler und suchte seinen Freund zum christlichen Glauben zu bekehren; aber der Lederherz hielt ihm tapfer Stand, und seine gewöhnliche Entgegnung war: „Das wenigstens könnt ihr uns nicht vorwerfen, daß wir je einen Andersgläubigen zu bekehren suchen."