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Israelitischer Jugendfreund · 1905-01-01 · 4 (1905) · p. Seite 53

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
11 (1905) Jung Israel
Issue
4 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 53 (sequence 9)
Language
German
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JUNG ISRAEL. 53 (Aus: Berthold Auerbachs „Zur guten Stunde".) Wahre Menschenfreundlichkeit zeigt sich darin, daß wir jedem Mitlebenden, der uns ungekannt und flüchtig begegnet, die gemeinsam gegebenen Augenblicke mit Gutem zu erfüllen trachten. Die wahre Menschenliebe betätigt sich darin, daß wir den Gedanken der Zusammengehörigkeit sesthalten, auch da, wo wir Widerspruch und Gegensatz vor Augen haben. Nur wenn wir uns liebevoll gegen Menschen andern Glaubens, anderer Überzeugung bewähren, nur dann haben wir das Recht, uns Bekenner der Religion der Liebe zu nennen. Menschenfreundlichkeit, die sich nur auf Bekannte, Menschenliebe die sich nur auf Glaubensgenossen beschränkt, verdienen diesen Namen nicht. Gewiß hat sich hierin jeder Unterlassungssünden vorzuwerfen. Auch ich. Aber ich erinnere mich gern, daß es mir einmal beschieden war, mit freiem Gemüte und in ganzer Liebe jenem Andersgläubigen hülfreich zu sein. Die Hausierer und Trödler sterben in unseren Tagen aus. Seitdem wir Eisenbahnen haben, holt sich jeder, was er bedarf, aus den stehenden großen Magazinen. Ehedem aber war solch ein Hausierer, bei dem alles zu haben und alles anzubringen war, eine eigentümliche Figur im Dorfe. Jedermann kannte ihn, und er blieb doch immer ein Fremder. Als ich in Waldhausen Pfarrer war, hatten wir solch einen Hausierer, der süus Tage in der Woche im Dorfe daheim war, ohne sich je ansäßig zu machen. Sein Heimatsort war acht Stunden von uns entfernt, und in der Regel war er schon Sonntag in der Frühe bei uns; er wanderte die Nacht hindurch mit seinem schweren Quersack den weiten Weg. Er hatte nichts Zudringliches, und ich erinnerte mich bei ihm gern eines Wortes, das einst bei unfern Landständen ausgesprochen wurde. Es war da viel davon die Rede, wie gefährlich die Hausierer seien, wie sie die die Menschen zum Ankauf von Dingen verleiten, deren sie nicht bedürfen, und da sagte ein alter trocken witziger Professor: „Ja wohl, ich kenne die Gefährlichkeit dieser Wegelagerer auch. Ich gehe einmal vom Collegium nach Hause, und da hält mich am hellen Tag auf offener Straße solch ein Wegelagerer von Hausierer an und fragt mich: .Nichts zu handeln?' Ich sage: Nein, und .... da war die Gefahr vorbei". Unser Hausierer war ein Jude mit Namen Herz oder Hirz, was eigentlich Hirsch heißt; jedermann aber kannte ihn unter dem Namen Lederherz. In meinem Dorfe war es nämlich der Brauch, daß die Bauern sich große Spangen Sohlleder kauften, um benötigten Falls beim Schuster

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