Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 3 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUNO ISRAEL. 43 haben, verkaufen will ich, um mich in der Volksküche an einem Tellerwarme Suppe zu wärmen und zu sättigen." Das Fräulein und Ruth waren stehen geblieben und schauten in das runzelige Gesicht der Alten. Schon wollte die Erzieherin der Bittenden eine kleine Münze reichen, allein sie suchte vergebens in der Tasche und im Portemonnaie nach einem kleinen Geldstück und wandte sich zum Weitergehen. „Fräulein," fragte Ruth, deren Gesichtchen jetzt einen ernsten Ausdruck angenommen hatte, ,,warum haben Sie der armen Frau nichts gegeben?" „Mein Kind, es tut mir selbst leid, aber ich habe kein kleines Geld bei mir, und zum Wechseln ist keine Zeit — Mama wird schon ängstlich nach uns ausschauen." Schweigend ging die Kleine an der Seite ihrer Erzieherin. Aber alle paar Schritte drehte sie sich um, mit ihren dunklen Augen die alte Frau suchend. Plötzlich riß sie sich von der Hand der Erzieherin los und lies zurück, und ehe das Fräulein sie einholen konnte, war sie bei der Alten angelangt. „Was tust du, Ruth!" fragte die Erzieherin entsetzt. „Bitte, bitte, Fräulein!" bat die Kleine flehentlich, „lassen Sie mich die Frau mit nach Hanse nehmen! Sehen Sie doch, wie die Arme vor Kälte zittert. Und wenn sie kein Geld bekommt, kann sie sich doch keine warme Suppe kaufen und muß hungern und frieren." „Was wird aber Mutti sagen, wenn wir zu spät nach Hause kommen und noch dazu . . ." Lebhaft unterbrach sie die Kleine: „Mutti wird nicht böse sein, ich werde ihr alles sagen, und da wird sie sich wohl noch freuen. Sie wissen, Mutti ist so gut. Kommen Sie, Frau, mit, und ich will Ihnen mein Gespartes geben, damit Sie sich eine warme Suppe kaufen können." Verwundert sah die Alte das liebliche Kind an und zögerte, der Aufforderung Folge zu leisten, und erst die Zustimmung der Erzieherin vermochte sie zum Mitgehen zu bewegen. Zn Hause angelangt, lief Reuth auf die Mutter zu, umarmte und küßte sie stürmisch: „Muttchen, liebes Muttchen, sei nicht böse, daß wir so spät kommen; ich erzähle dir nachher alles. Aber jetzt sei so gut und gib mein Essen der armen Frau draußen, die ich mitgebracht habe, sie hat noch nichts heute gegessen und friert so sehr. Und dann will ich ihr mein Gespartes geben — sie ist ja so arm." Das Kind wartete nicht erst die Antwort ab, sondern während die Erzieherin der erstaunten Mutter in kurzen Worten den Grund für Ruths