Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 3 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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b‘! - 42 JUNG ISRAEL. Kie crllc Kohltat. (Ein Erlebnis ans jüngster Zeit.) „Ach, Fräulein, liebes Fräulein, noch eine Minute lassen Sie mich hier stehen. Sehen Sie diese Puppe; ist sie nicht goldig?" So sprach mit vor Entzücken geröteten Wangen die kleine etwa achtjährige Ruth, auf die das hell erleuchtete Schaufenster eines Spielwarengeschäfts so große Anziehungskraft ausübte. „Ruthcheu, komm, mein Herzchen!" bat die Erzieherin der Kleinen, „du weißt, Mutti ist ängstlich, noch dazu um diese Zeit. Sie hat uns ja ernstlich angesagt, nicht länger als bis 6 Uhr zu bleiben. Es ist schon 3A(>, und wenn wir uns hier noch aufhalten, kommen wir zu spät, und dann ärgert sich Mutti, uiib das willst du doch nicht?" Widerwillig ließ sich das Kind von der Erzieherin au der Hand führen, und sie schlugen die Richtung in eine der vornehmsten Straßen ein. Das Köpfchen trotzig zur Erde gesenkt, ging die Kleine neben dem Fräulein einher, ohne ein Wort über die sonst so geschwätzigen Lippen zu bringen. „Kind, laß dich nicht so ziehen," sagte die Erzieherin in ernsterem Tone, „mir tut ja schon der Arm weh." Da hob das Kind das Köpfchen, und die Füßchen schneller bewegend, fragte es: „Fräulein, wird Mutti mir die Puppe kaufen?" „Das ist wohl möglich," lautete die Antwort, „natürlich nur daun, wenn du recht brav und artig bist." „Run, wenn Mutti sie mir nicht kauft, daun — dann — kaufe ich sie mir allein. Sie wissen, Fräuleins ich habe schon über 3 Mark in der Sparbüchse. sJia und für das Geld kann man schon alles kaufen. — Ich muß die Puppe haben." Dabei stampfte die Kleine trotzig mit den Füßchen und schob nach Art der verzogenen Kinder die Unterlippe vor .... „Wachsstreichhölzer! Gnädiges Fräulein, Wachsstreichhölzer! O — o!" Ein altes Mütterchen mit gekrümmtem Rücken, den dürren Körper in ein fadenscheiniges Tuch gehüllt, an der linken Hand ein Körbchen mit einigen Schachteln Streichhölzer, trat ihnen plötzlich in den Weg. „Kaufen Sie mir doch eine Schachtel Wachsstreichhölzer ab, gnädiges Fräulein," bat die Alte, vor Kälte zitternd. „Ich habe noch nichts verkauft. Ich hungere und friere. Erbarmen Sie sich doch! Die Menschen sind so herzlos. Für unnütze Sachen geben sie so viel Geld hin aber für mich arme Frau haben sie nichts übrig. Ich will ja nichts geschenkt *