Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 3 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUNG ISRAEL. 41 Sein Antlitz strahlt: „Wo sind denn unsre Söhne?“ „Sie waren doch bei dir im Schulhaus, Vater?“ Sie sagt es leise und die Stimme zittert. „Ich hab’ sie in der Schule nicht gesehn!“ „Dann werden sie wohl in der Gasse stehn." Und zitternd trägt sie Licht und Wein zum Rabbi, Der still vollzieht die Weihe der Habdala. Das Licht verknistert . . . Wieder fragt der Rabbi — Durch seine Stimme klingt verhaltne Angst — „Was sie so lang nur in der Gasse sind?“ „Ach, mach dir keine Sorge, iss und trink!“ Der Rabbi schneidet an das weisse Brot Und spricht den Segensspruch mit leiser Stimme. Doch plötzlich hebt er seine Augen auf Und blicktauf's Weib, das jäh die Augen senkt. „Wahrhaftig, Weib, ich habe Angst um sie, Und dann — du selbst - du scheinst mir so verstört . . .“ „Ich? Nein nicht doch! — Das heisst, es könnte sein — Es ist mir heute etwas widerfahren — Ich weiss - ich weiss nicht Rat, gib du ihn mir: Vor wenig Tagen brachte mir ein Mann Ein Kästchen — das gefüllt war mit Juwelen — Und bat mich, ihm das Kästchen zu verwahren. Nun kam er heute. — Ach, ich wusste nicht," - Die Stimme zitterte, da sie so sprach - „Dass er so bald so plötzlich kommen werde. — Sag’ Rabbi — muss ich ihm das Kästchen geben?" „Beruria!" ruft bestürzt der Rabbi aus, Und schlimme Ahnung wird im Herzen rege. „Ein fremdes Gut behalten ist Verbrechen. Was dir vertraut ist, das ist heilig Gut. Du musst es seinem Herren wiedergeben!" „Du sagst die Wahrheit, Vater!" spricht das Weib, Und Tränen drängen sich in ihre Augen. „Nun komm und sieh dir die Juwelen an Und hilf mir, ihrem Herrn sie wiedergeben!" Und fasst mit starrer Hand des Mannes Rechte Und führt den Rabbi hin zur Lagerstatt Und zieht mit starrer Hand das Linnen weg: „Hier die Juwelen - Gott will sie zürück! - " Ein wilder, weher Schrei dröhnt durch die Stube. Der Rabbi wirft sich über seine Söhne: „Oh meine Kinder, meine teuren Kinder! Licht meiner Augen, Wonne meines Lebens! Mein Licht erloschen, meine Wonne tot! — " Und laut aufschluchzend rauft er seine Haare . . . Da legt sein Weib die Hand auf seine Schulter Und spricht: „Steh auf! Sprachst du nicht selbst soeben: Was dir vertraut ist, das ist heilig Gut, Du musst es seinem Herren wiedergeben?" ... Der Rabbi richtet langsam sich empor Und schaut sie an. Durch dunkle Tränenschleier Blickt sie in seine Augen. Alle Güte Und alle Treue liegt in diesen Blicken Und jedes Glück und jeder Schmerz der Liebe. Und lange sahen sie sich schweigend an. Dann ruft der Rabbi aus: „Du jüdisch Weib! Du Weib der Kraft, der Grösse und der Liebe! Der dich mir gab, er sei gebenedeit! Wem solch ein Weib ward, der ist reich gesegnet: Ihm ist ein Trost in jedem Herzeleid, Ihn schreckt nicht Armut, schreckt nicht Not, nicht Tod, Er fürchtet nicht der Hasser Kriegsgeschrei, Ihn schreckt kein Schwert, ihn schrecken keine Flammen!" Dann weinten sie noch lange still mitsammen.