Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 11 (1905) Jung Israel
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9620171-9626617-9622593--1384-9622607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
s JUNG ISRAEL. Erkenntnis gegessen habe. Eva hat mich verführt! Alles ihretwegen!" Unb Eva jammerte: „Weh uns! Man vertreibt uns aus dem Paradies, weil wir gesündigt haben. Die Schlange hat mich verführt! Alles ihretwegen!" Da wurde unser lieber Cherub nachdenklich, als er das hörte, und über seine krystallklaren, leuchtenden Augen hat sich ein Schatten gelegt, ein ganz dünner Schatten, und unter dem Auge, dem blauen Auge, da hat sich ein Fältchen gebildet, ein ganz kleines Jältchen. Das aber, Kinderchen, kam daher: Für eine wirklich gute Seele ist es keine leichte Sache, Tränen zu sehen. Und Adam und Eva haben Tränen über Tränen vergossen und gejammert und das Gesicht in die Hände vergraben — und unser Cherub hat sie immerwährend angesehen. Da — ich weiß nicht, wieso — hat Adam plötzlich die Hände vom Gesicht weggenommen und in seine Augen fiel des Cherubs klarer, leuchtender Blick, an dem der kleine Schalten noch nicht zu merken war. Da wurde es Adam mit einem Male seltsam leicht aus dem Herzen, mit einem Mal erschien ihm das Leben erträglich, und er versöhnte sich mit der weiten, breiten, verfinsterten Welt und versöhnte sich mit seinem schweren Schicksal. Und er führte Eva bei der Hand: „Sieh nur hin!" sagte er. Und Eva sah auf den Cherub, und auch ihr ward wunderleicht auf dem Herzen. Und unser lieber Cherub stand da und schaute und schaute, sprach nichts, blickte nur immerzu auf Adam und Eva, so lange, bis die beiden sich küßten und bis sie froh, sich bei den Händen haltend, das Paradies verließen. Alle Cherubim hörten auf zu zittern. Einige stellten sich vor das Tor des Paradieses, durch das eben Adam und Eva hinausgezogen waren, hoben ihre Schwerter hoch und sagten: „Nur gut bewachen! Nur gut bewachen!" Und die andern schrien es nach. Sie hatten Angst, das sündige Menschenpaar könnte zurückkehren. Nur unser Cherub, der war von ganz anderer Art. Wenn mein Großvater mir die Geschichte erzählt hat, pflegte er das dreimal zu sagen: „Von ganz anderer Art, von ganz anderer Art." Nicht vergebens hat seine eigene gute Seele hinausgeleuchtet in die Welt. Geleuchtet, ja, Kinderchen. Denn eine wahrhaft gute Seele ist ein Licht. Sie macht alles klar ringsherum, macht alles gut, und jedem wird leichter auf dem Herzen, wenn sie da ist. Das ist wahr, meine lieben Kinder. klnd es geschah also: Wie unser Cherub sah, daß es Adam und Eva so viel besser zumute geworden, seit er sich neben sie gestellt und sie