Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 24 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 360 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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360 tragen wollte, trat ein Mann weinend zu mir und klagte: „L)eute heirate ich, aber ich habe kein hochzeitsmahl." Da gab ich ihm, was ich für euch bereitet hatte und ließ neue Speisen zurichten, habe ich übel gethan?" Da leuchtete hillels Angesicht vor Freude, und er sprach: „Du hast wie eine verständige und gottesfürchtige jüdische Frau gethan." Also dachte und handelte hillel, und also wirkte er auf seine zahl« reichen Schüler und seine ganze Umgebung. Und als er sich zur Würde eines Fürsten erhoben sah, blieb er noch der demütige, bescheidene hillel, der nicht aus seine Araft stolz war, sondern seine Rangerhöhung als ein ihm von Gott verliehenes Geschenk betrachtete, das er sorglich zu hüten hatte. Als höchste Tugend betrachtete hillel die Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit. Die Religion war ihm dazu berufen, den haß zu bannen und dafür die Liebe einzusetzen, in die Herzen Milde und Schonung einziehen zu lassen und die Fackel der Zwietracht zu erlöschen. Was Wunder, daß man hillel als die Sonne betrachtete, die ihre wärmenden und belebenden Strahlen der Liebe in die Herzen seiner Zeitgenossen senkte! Schluß. An einem trüben Tage des fünften Jahres der gewöhnlichen Zeitrechnung umstanden die Schüler weinend das Sterbelager ihres Lehrers, der friedlich lächelnd mit der sanften Ruhe eines Weisen im Ureise umherblickte und auch jetzt noch Worte der Lehre und Weisheit verkündete. Tr hatte fromm und weise sein ihm von Gott verliehenes höchstes Gut des Lebens verwaltet und konnte nun furchtlos der Todesstunde entgegenschauen. Roch einmal segnete er seine Schüler. Dann ries er die beiden hervorragendsten Zünger zu sich, den Jonathan ben Usiel und Zochanan den Sakkai, und übertrug ihnen die göttliche Lehre als heiliges Trbe, das sie in seinen: Sinne weiter verwalten sollten. Feierlich klang die letzte Mahnung von den Lippen des Sterbenden, wie sie auch ihm einst erklungen war: „Ts soll nicht weichen das Buch dieser Lehre aus eurem Munde; ihr sollt euch damit beschäftigen am Tage und in der Nacht, aus daß ihr beobachtet auszuüben alles, was darin geschrieben steht; dann werdet ihr glücklich sein aus allen euren Wegen und werdet klug sein." Mit den: frommen Bekenntnis seines Glaubens auf den Lippen schied er von dieser Trde im achtzigsten Jahre seines Lebens und im vierzigsten seiner gesegneten Wirksamkeit. Durch ganz Judäa hallte die Alage: „Ach, der Sanftmütige, ach, der Fromme, der Schüler Tsras!" Wer sollte jenen Jammer und Schmerz nicht begreifen bei der Erinnerung der erhabenen Persönlichkeit Mittels, die während ihrer ganzen irdischen Laufbahn lichtumflossen dastand, Licht verbreitend in der finstern Nacht der Schrecken.