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Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 24 (1898) · p. Seite 359

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
24 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 359 (sequence 9)
Language
German
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359 den biblischen Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Der Heide hätte dieses hohe Gebot der Nächstenliebe wohl kaum begriffen, wenn nicht Hillel als rechter Lehrmeister ihn, durch Umschreibung diesen Satz näher gebracht hätte. wer könnte heute noch diesen Spruch, der zum Sprichwort geworden ist. lesen, ohne von Bewunderung für den Mann erfüllt zu sein, der dieses erhabene Wort vor fast 2000 Jahren gesprochen, das wie kein anderer Ausspruch den echt jüdischen Geist der Liebe und Duldung widerspiegelt? Dieses Wort wird noch mehr zu seinem Ehrendenkmal, wenn man bedenkt, daß es in einer Zeit des finstern Hasses und der Verfolgung ausgesprochen wurde. Gs ist natürlich, daß seine Nächstenliebe ganz besonders den Armen und Dürftigen gegenüber beredten Ausdruck fand. Bei Ausübung der wohlthätigkeit verfuhr er mit einer Zartheit, daß der Empfänger durch die Gabe nicht beschämt wurde. Das biblische Gebot der wohlthätigkeit: „Nach den, Bedarfe, den der Arme hat, sollst du ihm geben" (V. M. \5,8) befolgte er wörtlich und erklärte dieses Gesetz dahm, daß man den Dürftigen seine,„ frühern Stande gemäß ehren müsse. Selbst wenn einer einen Sklaven oder ein Pferd braucht, ,nuß man ihm dieselben geben. Ein Mann von vornehmer Herkunft hielt in den Tagen des Glückes ein fürstliches Gefolge. Da brach das Unglück über ibn herein, und er sab sich in Gefahr, seinen Prunk aufgeben zu ,nüssen, der seinem Stande und seiner Familie geziemte. Er klagte seine Not dein Fürsten Hillel, der dafür sorgte, daß er den früheren Glanz nicht entbehrte. Da jener Mann gewohnt war, in der Stadt auf einein Pferde zu reiten und einen Sklaven vor sich hergehen zu lassen, bestritt Hillel einige Zeit die Aosten des Pferdes und des Sklaven. Und als eines Tages kein Sklave aufzutreiben war, that er selbst bei den. Armen Dienst und lief vor demselben, dessen Unglück er nuten,pfand, drei Meilen her. Einst hatte Hillel einen Freund zu Gaste geladen und seiner Frau die Bereitung eines köstlichen Mahles aufgetragen. Der Freund erscheint, und beide setzten sich an den Tisch und harren der Mahlzeit, die aber ausbleibt. Zndeffen fangen die beiden weisen an, über religiöse Dinge und Worte der Weisheit zu reden. Von Zeit zu Zeit erinnert sich Hillel des eigentlichen Zweckes ihres Zusammenseins und wundert sich über die verzögerte Mahlzeit. Doch denkt er bei sich: „Gewiß hat meine Frau eine Ursache, daß sie die Speisen nicht aufträgt; darum will ich sie nicht stören." Die gelehrte Unterhaltung dauert indessen fort. Stuyde um Stunde vergeht, und der Tisch bleibt ungedeckt. Endlich 'erscheint Hillels fromme Gattin ganz verlegen und läßt auftragen. Zn liebevollem Tone fragt sie ihr Gatte: „warum diese Verzögerung? War vielleicht das Essen noch nicht bereit?" „Nicht doch," antwortete die Frau. „Als ich die Speisen eben auf-

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