Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 23 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 339 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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339 Freunde willen laß mich reden: Friede in dir!" Und diesen Frieden zum heil seines Volkes und seiner Religion suchte er dadurch zu erlangen, daß er als Gesetzeslehrer mäßig in seinen Forderungen, nachgiebig in seinen Zugeständnissen war und durch Vermeidung jeder Hartnäckigkeit der Gegenpartei eine Brücke schlug, sich ihm zu nähern. Seiner Friedensliebe entsproß darum tausendfacher Segen für die Religion Israels und seine Brüder. hillel war plötzlich aus seiner bescheidenen Zurückgezogenheit hervorgetreten. Ganz Judäa nannte rühmend seinen Namen, und überall wurde seine Weisheit gepriesen. Sein Lehrhaus füllte sich mit eifrigen begeisterten Schülern, die von der neuen Lehrweise mächtig angezogen wurden. Bald war die Zahl der vorn Forschungstrieb erfüllten Jünger um hillel so groß, daß er wohl seinem Anhänge entsprechend als der weiseste Lehrer Israels gelten konnte. Gr ließ sich bei seinen Jüngern nicht damit begnügen, sie nur zu belehren und ihren Geist mit den hohen Worten der Weisheit zu erfüllen, er erblickte vielmehr seine erhabene Aufgabe als Lehrer des Volkes darin, für die Herzen seiner Schüler zu sorgen, daß die Flammen des Glaubens sie durchglühte und erwärmte. Das Wissen allein vermochte ihnen nicht halt und Stütze in sturmbewegter Zeit zu gewähren. Darum gab er ihnen mit dem Schatze beglückender Lehren und Wahrheiten auch die Religion als treue Führerin auf den dornenvollen Lebenspfad. Wehr als durch das mahnende und belehrende Wort zeigte er ihnen durch eigene Anschauung, wie sie Gott erkennen und verehren, lieben und ihm vertrauen, ihm danken und sich ergeben sollten. Irregeleitete Schüler führte er oft hinaus in die freie Natur und ließ sie dort die Größe und Weisheit des Schöpfers bewundern. „Die Tiere sollten sie belehren, die Vögel des Himmels sollten es ihnen verkünden, die Erde sie unterweisen und die Fische es ihnen erzählen, daß die Hand des Herrn dieses alles geschaffen." Und hatte er dann an diesem Bilde seinen Jüngern die Erhabenheit Gottes und die Nichtigkeit des Menschen gezeigt, dann leitete er sie mit belehrenden und sanft mahnenden Worten zu ihrem Gotte zurück, gebessert und veredelt. hillels Streben war selbstlos und ging dahin, für seine Mitmenschen zu wirken; denn er erblickte den eigentlichen Zweck des Menschenlebens darin, nicht fsir sich, sondern für andere zu leben. Diese erhabene Gesinnung wird durch sein schönes Wort gekennzeichnet: „wenn ich nur für mich bin, was bin ich?" Er wollte dem Priester in Israel gleichen, dessen Bestimmung war, die „ganze Gemeinde Israels zu versöhnen". Versöhnung seiner Brüder mit Gott, mit ihren Nebenmenschen und mit sich selbst, das erschien ihm als höchstes Ziel, als heiligste Aufgabe eines Lehrers in Israel.