Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 22 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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324 aus der heiligen Schrift, erklärte ihn auf jede mögliche weise, beantwortete die Fragen seiner Schüler und wiederlegte die Einwendungen seiner Gefährten." Der Gegenstand der heutigen Belehrung war vorgeschlagen und die Auseinandersetzung darüber eröffnet. „Die Fragen und Ginwürfe, die Antworten und Gntgegnungen folgten sich, wechselten ab und drängten sich. Die Geister erweiterten sich, die Gemüter erhitzten sich. Gs war ein fortwährendes Gesumme von Uleinungen und Urteilen, ju der Hitze der wechselrede, in den Bezeugungen des Beifalls wie im Gifer des Streites gingen die Herzen über von der Buhe zum Zorn, vom Zorn zur Uuhe, vom Grnste zum Scherze, vom Scherze zmn Grnste. Die Witze wechselten mit den ernsten Auseinandersetzungen, die Scherze mit den schmerzlichen Grinnerungen. Gs war eine friedliche religiöse Schlacht, die hier geschlagen wurde, ein Schauspiel, wie es eigentümlicher und edler nirgends in der Geschichte zu finden ift."*) Ulitternachtsruhe lag auf der einsamen höhe des Tempelberges. Zu dem stillen frierenden und hungernden Lauscher auf dem Dache des Lehrhauses drang der gedämpfte Auf der Tempelwache. Gr störte ihn nicht in seiner gespannten Aufmerksamkeit. Am Himmel funkelten heute keine Sterne; sie waren von dunkelgrauen Wolken verhüllt. Der Sturm heulte immer lauter und heftiger und wirbelte die Schneeflocken durcheinander. hillel merkte nicht in seinem Gifer, daß der Schnee seinen Körper wie in ein Leichentuch gehüllt hatte. Gr empfand es nicht, daß seine Glieder starr wurden, daß sein Blut stockte, daß es ihm vor den Augen fiimnierte und flirrte, daß ihm die Sinne allmählich schwanden. Gr sah und hörte nichts mehr. Ulit einem liefen Seufzer sank sein Haupt hinab, und die müden Augenlider schlossen sich, war es der Schlummer oder der Tod? - während oben auf dem Dache des Lehrhauses ein edler Geist zu verlöschen drohte, entbrannte drinnen im Saale der Kampf der Geister wieder aufs neue in noch größerer Heftigkeit. Die tosende Winternacht schien nun beruhigt, nachdem sie ihr Opfer gefordert hatte; denn des Sturmes Kraft war jetzt gebrochen. Zmmer spärlicher fielen die Schneeflocken zur Lrde, und bald wölbte sich über der heiligen Stadt wieder ein klarer blauer Himmel. Gin Heller, sonniger Morgen brach an. Die Zeit des Gebetes war gekommen, wo die Lehrer einander sich ablösten. Da trat Schemaja in das Lehrhaus. Die Schüler verneigten sich ehrfurchtsvoll vor ihrem Uleister. Zudem der Uabbi sich in dem weiten Saale umschaute, bemerkte er, daß in demselben große Dunkelheit herrschte, die so merklich gegen die Helligkeit draußen abstach. Darum wandte er sich fragend an seine Kollegen: *) Ludw. Scltgmauu, Donuort zu Parabeln etc.