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Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 22 (1898) · p. Seite 323

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
22 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 323 (sequence 5)
Language
German
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323 IPonn wir aber bedenken, wie schwer jene Weisenschüler um das tägliche Brot für ihre Familie ringen mußten, und wie gering der Lohn ihrer Arbeit war, so erfüllt es uns mit Rührung und Ehrfurcht, daß jene Frommen nun auch noch einen Teil ihres kärglichen Verdienstes Hingaben für das geistige Brot, daß sie den Geist unter der schweren Bürde des Lebens nicht erschlaffen ließen. Lin solches herrliches Beispiel glühender Liebe zum Studium des heiligen Gesetzes giebt uns hillel. Mit der Hälfte seines kärglichen Lohnes verschaffte er für sich .und feine Familie, die ihm bald nach Jerusalem gefolgt war, die allernotwendigsten Nahrungsmittel. 2Hit der andern Hälfte bezahlte er den Pförtner des Lehrhauses, damit dieser ihm einen solchen Platz anweise, daß er die Worte seiner Lehrer vernehmen konnte. Dieses armselige Leben setzte er eine lange Zeit fort. Da kam ein kalter wintertag im Monat Lebet. Durch die Straßen Jerusalems wehte ein scharfer, eisiger wind, der alles erstarren ließ. Dichte Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Betrübt ging an den Däusern vorbei und fragte hier und dort um Arbeit an. Vergebens! Zndeffen dämmerte der Freitagabend herbei; der Unglückliche hatte keine Sabbatfreude. Ihm fehlten zur Feier Brot und wein. Doch er dachte weder an den Hunger, der ihn quälte, noch an die Kälte, die seinen notdürftig bekleideten Körper durchjchauerte; er dachte an den Unterricht, den er heute entbehren sollte, weinend ging er zum Pförtner und bat und beschwor ihn, ihm öen Eintritt zu gestatten. Der Wächter blieb unerbittlich. Da erfaßte Verzweiflung den armen hillel. Lr umschritt das Lehrhaus und jah ^und horchte, ob er nicht ein Wort der Lehre erlauschen konnte. Kein Laut drang durch die festen wände. Da erhob er seinen Blick. Lin Freudenschimmer verklärte sein sanftes Angesicht. Mit Behendigkeit und Unerschrockenheit kletterte er an einer abgelegenen Stelle auf das Dach des Lehrhauses, warf sich auf das Oberfenster, durch welches der Lehrsaal sein Licht empfing, und, — o Freude! — er sah und hörte alles. Da saß das Oberhaupt der Schule, der greise Rabbi Abtaljon auf dem erhöhten Katheder, neben ihm seine Gefährten oder Lhaberim auf Sesseln und vor ihnen auf ganz niedrigen Bänken die Schüler oder Zünger, jene fleißigen Männer einer „heiligen Gemeinde". Der Schuster saß neben dem Schneider, der Bäcker neben dem Zimmermann, der Fischer neben dem Holzhauer, der Schmied neben dem Töpfer. Der eine war Arzt, der andere Kohlenbrenner, dieser war ein Schreiber, jener ein Lederarbeiter. Wissenschaft und Handwerk im friedlichen Verein! Schwielige Faust und durchgeistiges Angesicht! Das waren die Zeichen eines jüdischen Lehrhauses. Und nun war feierliche Stille. „Der Lehrer begann seinen Vortrag mit einem Verse

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