Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 21 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 317 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9622481--1274-9622499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
818 sein Vater stand, imd ward zu dem Hauptmann des letztern gebracht. Dieser fragte ihn aus. Der Knabe erzählte abermals offenherzig den Endzweck und die Schicksale seiner Reise zum preußischen Heere und brachte wieder den Brief seines Vaters hervor. Der Hauptmann erstaunte über die Erzählung des Kindes, ließ den Vater sogleich, ohne daß derselbe von der Anwesenheit seines Sohnes etwas erfahren konnte, 31t sich holen, führte ihn in ein besonderes Zimmer und fragte ihn nach dem Inhalte des letzten Briefes, den er an seine Frau geschrieben hatte. Dev Soldat bekannte den Inhalt und besonders das Verlangen nach einem Gericht Kartoffeln. „Dein Wunsch ist erfüllt," sagte der Hauptmann und führte den Vater in das Zimmer, wo der Sohn, in banger Erwartung des Ausgangs, mit seinen Kartoffeln noch wartete. Vater und Sohn erkannten sich, fielen einander in die Arme und Thränen der innigsten Freude flössen über die braunen Wangen des Kriegers. Der durch diesen Austritt äußerst gerührte Hauptmann ließ den Knaben einige Tage bei dem Vater ausrnhen und gab ihnen etwas, daß sie sich gütlich thun und pflegen konnten. Sodann ermahnte der Hauptmann und der Vater den Knaben, nunmehr zu seiner über seine Abwesenheit sehr bekümmerten Mutter wieder zurückzukehren, auch reichte ihm der Hanptmaun als Zehrpfennig zur Reise ein Goldstück. „Zur Reise," sagte der kleine Pilgrün, „brauche ich kein Geld; denn gegen Ausweis meines Briefes haben mir gute Leute unterwegs doch zu essen gegeben. Aber meiner Mutter will ich das Geschenk bringen." So trat er denn seine Rückkehr wieder an, verirrte sich aber und kam an die feindlicher: Vorposten. Hier wurde er angehalten und ins Hanptlager zum General Cüstine geführt, der ihn durch einen Dolmetscher scharf ausforschen ließ. Ohne Scheu erschien der deutsche Knabe vor dem französischen Feldherrn, beantwortete alle Fragen desselben offenherzig nach der Wahrheit, zeigte abermals den Brief seines Vaters mrd erzählte, lvas ihm in: preußischen Lager begegnet war. Gerührt über das große und gute Herz des preirßischen Soldatenkindes, schenkte ihm der feindliche Heerführer zwei Goldstücke rnrd gab ihm euren Wegweiser mit, der ihr: durch das stanzöstsche Heer begleiten sollte, bis er in völliger Sicherheit sei. „Denn," sagte er zu ihnr, „du Haft in deirrer Kindheit bisher schon auf einem zu guten Wege gewandelt, als daß man nicht dafür sorgen sollte, daß du nicht wieder irre gehen mögest." Glücklich und wohlbehalten kam der Knabe errdlich in seiner Heimat wieder an und verwandelte die Thränen der Betrübnis, die feine Mutter bisher über ihren Sohn geweint hatte, in Thränen der Freude. Er bat sie wegen seiner heimlichen Entweichung um Verzeihung, sagte ihr zur Ursache und Entschuldigung das, was die Leser schon wissen und überlieferte die Geschenke, die er vom Hauptmann seines Vaters und vom Heerführer der Feinde empfangen hatte, getreulich in ihre Hände.