Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 21 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 311 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Sinn nicht geändert, noch deine thörichte Sehnsucht gedämpft. Noch immer beharrst du bei deinem Entschluß, zu lernen und zu forschen, ob du auch das Brot der Armut dabei essen mußt." ^n aufwallender Bruderliebe ergriff er hillels Hand und sagte: „Wenn auch mein Spott dich oft verwundet, zürne mir nicht Bruder, nur die Liebe zu dir giebt mir alle jene Worte ein, die wie bittere Arzenei für den Kranken auch für dich ein Heilmittel sein sollen, dich von jener unseligen Schwärmerei zu heilen. Folge mir und gehe zum Markte anstatt in das Lehrhaus. Mein Weg führt zum Reichtum, der deine zur Armut und Entbehrung." hillel aber schüttelte traurig sein Haupt und erwiderte: „In meiner Armut werde ich reich sein, so ich das lebendige Gotteswort im Herzen trage. Es wird mir Stab und Stütze sein, ob ich über sonnige höhen schreite oder durch ffnstere Thäler voller Todesschatten wandle. Mein Weg führt himmelan, wenn auch die Armut winkt; der deine führt zur Tiefe hinab, wo die Versuchung lockt. Es giebt höhere Güter als die vergänglichen irdischen. Ich sammle für den Himmel, du für das Grab. Schebna, Schebna! gehe nicht zum Markte nach Gewinn zu jagen. Die Sünde wird dir nahen, und du wirft ihr unterliegen". Schebna blickte ftnster zur Erde nieder und verharrte kurze Zeit in dumpfem Schweigen. Dann richtete er sich trotzig auf und antwortete unwillig:" „Die Sünde kann uns allerorten begegnen, im Lehrhause wie auf dem Markte; denn „sie lauert vor jeder Thür und trägt Verlangen nach uns." Darum laß mich zum Markte ziehen, mich schreckt nicht die Versuchung. Doch wenn du zum Lehrhause wanderst, bedenke eins: Das Wort vom Sinai giebt dir kein Brot!" hillels Augen leuchteten auf und strahlten freudige'Begeisterung wieder, als er entgegnete: „Wer sich der Lehre ergiebt, wird leben! Israel ist dazu berufen, den Gottesgeist, der lebendig in ihm angefacht ist, für die ganze Welt siegreich zu machen. Jeder aus unserer Mitte muß dazu beitragen, durch das heilige Wort jenen göttlichen Geist in der Menschenbrust lebendig zu erhalten. Niemand ist zu hoch und keiner zu gering, niemand zu arm und keiner zu reich, sich dieser hohen Aufgabe zu unterziehen. So will auch ich meine schwache Kraft in den Dienst meiner Brüder stellen, mit ihnen und für sie kämpfen und ringen um den Ruhm und die Erhaltung unseres Glaubens." Und als sein Bruder noch immer schwieg, fuhr er fort: „Trübe Kunde drang zu mir nach Nahardea, die mein Herz mit Sorge und Kummer erfüllte. Israel will versinken in dem Strome der Völker; denn der heilige Gottesgeist, der es bis heute geschützt und getragen, will Israel verlassen. Um das Friedenswort vom Sinai tobt der grimmige