Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 21 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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811 und Abtaljon beim Volke das höchste Ansehen als die hervorragendsten Renner der schriftlichen und mündlichen Lehre. Sie wurden die „beiden Größen der Zeit" genannt und hatten um sich einen Areis von lernbegierigen Jüngern gesammelt, denen sie das Gesetz, seine Begründung und Anwendung überlieferten. Ihr Ansehen war so groß, „daß schon das Zurückführen einer Auslegung auf sie als Beweis der Richtigkeit galt". Diese beiden Männer standen auch gleichzeitig dem Synhedrium als Präsidenten vor. Da dieses aber seine politische Macht eingebüßt hatte und sich dem Machtspruch der Römer beugen mußte, richteten Schemaja und Abtaljon während ihrer 25 jährigen Wirksamkeit ihre Thätigkeit mehr nach Innen und versenkten sich in die Tiefe der Gesetzesforschung. Schernaja hatte seinen Jüngern den Satz eingeschärft: „Liebe das Handwerk, fliehe das herrschen und befreunde dich nicht mit der weltlichen Macht", Abtaljon prägte den Gesetzeslehrern den Spruch ein: „Seid vorsichtig in euren Äußerungen, daß ihr euch nicht die Strafe der Verbannung zuzieht; eure Jünger würden euch dann in ein Land von verführerischem Einflüsse folgen und ihn in sich aufnehmen, so würde der heilige Gottesname durch sie entweiht werden". Doch kehren wir wieder zu den beiden Brüdern zurück, die im Schatten des Feigenbaumes noch immer schweigend ruhen. hillel hatte sich erhoben und wandte sich seinem Bruder Schebna zu, indem er mit milder, wohlklingender Stimme sprach: „Laß uns in die Stadt gehen, mein Bruder, die Sonne steigt immer höher, und bald wird ihr sengender Strahl uns auch von dieser kühlen Stätte scheuchen." Diesen sanften Worten folgte ein heiseres, rauhes Auflachen Schebnas, daß hillel mit erstauntem Blick zu ihn: niederschaute. Dann sprach jener voll Spott: „Geduld, Geduld ist ^00 Sus wert," sagte mein Bruder hillel stets, wenn mich die Leidenschaft zu rascher That entflammte, hat dich die Tugend der Geduld vor den Thoren Jerusalems plötzlich verlassen?" „Spotte nicht, mein Bruder," entgegnete tyllel, „meine Sehnsucht kennt ein anderes Ziel, als hier im Schatten des Feigenbaumes müßig zu ruhen, hier finde ich nicht, was mich beseligt und beglückt, — das lebendige Gotteswort, — doch dort von der höhe des Tempelberges winkt mir verheißend jenes Glück. Dorthin zieht es mich mit allen Fasern meines Herzens, dort sprudelt der heilige Quell, aus dem ich trinken will, daß meine schmachtende Seele sich endlich labe." Der leichte Spott war nach diesen Worten von Schebnas Lippen gewichen, und einen mitleidvollen Blick auf seinen Bruder werfend, antwortete er, indem er sich erhob: „So hat denn der weite Weg von Nahardea nach Jerusalem deinen