Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 21 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 309 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9622481--1266-9622491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
310 Menschen oft findet, beeinträchtigt. Oie Ähnlichkeit der äußeren Erscheinung dieser beiden Männer ist erklärlich, find fie doch Brüder. Es find hillel und Lchebna, die vor mehreren Wochen Nahardea in Babylon verlassen halten. Beide ^og die Lehnsucht nach Jerusalem. Die Quelle, aus welcher sie jenes tiefe Verlangen schöpften, war nach der Verschiedenheit ihrer Eharakteranlagen gleichfalls verschieden. Den nach Hähern Dingen strebenden hillel zog es, wie wir bereits wissen, nach Jerusalem, dem Hochsitz der jüdischen Wissenschaft, um zu den Füßen der weisen Lehrer Lchemaja und Abtaljon zu sitzen und von ihren reinen frommen Lippen das heilige Gotteswort zu lernen. Gr wollte sich ewige unvergängliche Güter erwerben, die ihm der Himmel erringen helfen sollte. Den nur nach irdischen, vergänglichen Gütern strebenden Lchebna zog es nach der Gottesstadt hin, um sich mit Leidenschaft dem hier blühenden Handel in die Arme zu werfen. Gewinn und Vorteil waren sein höchstes Ziel, und das rege handelsleben Jerusalems sollte ihn von seiner Armut befreien. Wie in hillel, so lebte auch im ganzen jüdischen Volke damals ein mächtiger Drang nach Bildung, die eine theologische war. Die Quelle der Weisheit war ihnen die Thora, die ein „geistiges Eigentum der Nation geworden war, ein Heiligtum in seinem Znnern". Lelbst der in dieser Zeit herrschende kriegerische Linn, der beständige innere jDarteikampf, die Gelderpressungen der Römer, und der haß des herodes gegen die Lchriftgelehrten vermochten den heiligen Eifer für das Gesetzesstudium bei den Edelsten nicht ganz zu unterdrücken. Für diese der göttlichen Wissenschaft ergebenen Männer und Zünglinge waren die Hörsäle der Lehrhäuser geöffnet. Die Lehrer wurden Lchriftkundige oder Weise, die Jünger Weisenschüler genannt. Ohne irgend eine Hoffnung auf irdischen Lohn, ja unter unendlichen Opfern und Entbehrungen gaben sich die hochherzigen begeisterten Männer und Zünglinge ihrer aufreibenden geistigen Thätigkeit hin. Da die meisten Lernbeflissenen Tagelöhner, Handwerker und Arbeiter waren, die am Tage ihrem Erwerbe nachgehen mußten, so opferten sie die Ruhe der Nacht ihrem Ltudium. Alle diese Opfer brachten sie gerne und freudig in ihrer Begeisterung für die Lehre. Lie waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, „das mosaische Gesetz in das Leben und die Gewohnheiten des Volkes einzuführen, die Brüder und Lchweftern mit einem Geiste zu erfüllen, der ihnen Widerstandskraft gegen alle Verführungen und Lockungen des Heidentums verlieh, sie für den rechten Glauben zu beleben und darin zu stärken und das Judentum in seiner Reinheit und Heiligkeit zu erhalten". Dazu genügte jedoch nicht die Kenntnis der Thora allein. Die vielen Auslegungen und Deutungen, die an die aus ältester Zeit überkommene mündliche Überlieferung bot eine schier unerschöpfliche Fülle von Lernstoff. Zur Zeit als hillel den Boden Jerusalems betrat, genossen Lchemaja