Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 19-20 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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302 ganze Gesetz durchwehte, galt als bestimmend. Mit jedem religiösen Brauche, und war er noch der unscheinbarste, verband man einen veredelnden und versittlichenden Gedanken. Durch das Synhedrin erlangte der Gelehrtenstand ein hohes Ansehen. Das Wissen galt sortan mehr als Stand und Reichtum. Nach der Quaderhalle ftrömteu Männer und Jünglinge aus allen Gegenden. Dicht gedrängt, lautlos sagen sie 31t Fügen ihrer Lehrer, gespannt mtf jeden Lehrsatz lauschend. So waren die besonderen Lehrsäle oder Schulen entstanden, die der eingehenden Pflege des Gesetzesstudiums gewidmet waren: Wir dürfen uns jedoch nicht denken, dag in denselben ein Unterricht erteilt wurde wie in unseren Schule, oder dag alle jene Wissenschaften zum Portrage kamen, welche das Eigentum der damaligen gebildeten Welt waren, an deren Spitze die Griechen standen. Keines vo,n beiden, und was namentlich die griechischen Wissenschaften anbelangt, so waren gerade sie es, von welchen das wissensdurstige Volk abgezogen werden sollte. Dagegen sollte es zu seinen eigenen alten Bildungsguellen hingeleitet werden. Diese waren die von Esra und den in seinem Geiste wirkenden späteren Gelehrten sorgfältig abgeschriebenen und gesammelten Bücher Moses, den Propheten und der frommen Männer, die „heilige Schrift". Die Schüler dieser Schulen nannte man „Talmidim": sie waren nicht solch zarte Kinder, lvie mir sie in unseren Schulen antreffen, sondern wissensdurstige Jünglinge, die oft aus weiter Ferne kamen, um das Gotteswort aus dem Munde bedeutender Lehrer zu hören und es sich erläutern zu lassen. Hatten die Schüler das Zeugnis der Reife erhalten, so bezeichnete man sie mit dem Namen „Chaberim", d. h. Genossen des Gelehrtenvereins". Die Lehrer, „Rabbanim" genannt, legten bei allen ihren Vorträgen ein Buch der heiligen Schrift zugrunde, erklärten dieses wörtlich und knüpften noch manches andere daran, was sich aus die Ausübung voll Ceremonien oder auf andere Dinge bezog. Der Zutritt zu diesen Borträgen lvar frei und jedem wurden vernünftige Einwände gern gestattet. Dadurch kamen maimigfaltige Ansichten zur Geltung, und der Inhalt der Schrift wurde nach den verschiedensten Seiten beleuchtet. Hierdurch wurde Jerusalem der Mittelpunkt für alles religiöse Leben, selbst für die Juden außerhalb des heiligen Landes. Eine jüdisch-deutsche Erzählung. (In Nr. 18 ist euch versprochen worden, daß ihr eine Erzählung in jüdisch-deutscher Mundart zu lesen bekommen werdet. Wir lösen hiermit unser Versprechen ein und bemerken, daß kein Geringerer als der berühmte