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Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 19-20 (1898) · p. Seite 287

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
19-20 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 287 (sequence 9)
Language
German
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287 Wie ein aller Meister über Höflichkeit dachte. Jch habe einmal ein Sprüchlein gelesen, das lautet: „Mit dem Hute in der Hand kolnnit mall durch das gange Land/' Das gab mir gar vielen Stoff zmn Denken. Wahre Höflichkeit mld Bescheidenheit sind Zwillinge; sie lassen sich nicht trenlleir. Warlim haben denn wir Alten die Höflichkeit an jungen Leuten so gern/ Es ist wahrhaftig nicht Verdruß über verletzte, dem Alter schuldige Ehrerbietung, menn uns das unhöfliche Wesen mallcher Jünglinge unangenehm berührt; es ist die Überzeugung, daß so ein junger Mensch auf ganz verkehrtem Wege ist, der ihn, wenll nicht ins Verderben, so doch weit ab von seiilern Lebenswege fiihrell mutz. Solche, die mit dem Kopf durch die Walld rennen wollen, werden bald spüren, daß die Waild härter ist als ihr Kopf; sie werden sich diesen entweder ganz einrennen oder doch die Hörner abstoßen. Beides macht Schaden. Die allergewöhnlichste Höflichkeit karm sich jeder, ailch im niedrigsten Stailde, aneignen oder angewöhnen; er darf mw acht geben, wie es gebildete Leute machen, die z. B. fein fremdes Zimmer betreten, ohne erst anzllklopfen, nicht mit der Pfeife oder Zigarre nn Munde jemand besuchen, nicht nnslätig in die Stube spucken, llicht beim Eiiltreter: die Mütze oder den Hut anfbehalten n. s. w. Für die wohlthuendste Höflichkeit gegen groß und klein halte ich das schlielle Begreifen und feine Erraten, ivie wir jemand gefällig sein können, ohne daß er uns darmn bittet. In diesem Sinne kann auch ein sonst rauher, derber Mann recht höflich sein. Ein Beispiel wird das verdeutlichen. In einer Nachbarstadt wurde einmal ein Wohlthätigkeitskonzert abgehalten, dem ich auch beiwohnte; mu einen Platz zu bekommen, ging ich zeitig dorthin. Der Saal füllte sich bald so an, daß ein guter Platz nicht mehr gn finden war; endlich gab es gar keinen Sitzplatz mehr. Eine Menge junger Herrchen sah mit Neid auf nüch, ja einer bot mir eine Mark für meinet! Sitz. Jch war aber ermüdet vom langen Wege, hielt für meine alten Glieder das Sitzen für zuträglicher als das Stehen und lehnte das Angebot kurz ab. Jetzt trat eine Frau in mittleren Jahren ein. Betrübt sah sie sich um, kein Plätzchen war mehr zu finden. Jch kannte sie nicht, dachte aber in meinem Herzen: „Dieser Mutter — sie hatte ein Mädchen bei sich — wird es ein Gefallen sein, wenn sie sich setzen kann." Freudig nahm sie den Platz an, den ich ihr freundlich bot, und dankbar rühmte sie daheiin ihrem Manne die Höflichkeit eines Unbekannten, wie ich später zufällig erfuhr. Wie oft hatte ich Gelegenheit, Fremden den Weg zu weisen! Was nützt das viele Beschreiben, dachte ich, du gehst selbst eine Strecke mit.

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