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Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 17 (1898) · p. Seite 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
17 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 254 (sequence 8)
Language
German
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254 „Diese Gegenstände mögen dich zuweilen an deine unglückliche Königin und Freundin erinnern," sprach Mariamne, indem sie dem Mädchen den Inhalt des Kästchens einhändigte. Schluchzend nahm Noemi das Dargereichte aus den zitternden Händen der Königin. Und mit einem Blicke unaussprechlicher Innigkeit sprach sie: „G, wenn ich doch mit Euch sterben könnte, teure Herrin!" „Rede nicht also, mein Rind, du bist noch jung, ein langes Leben mit all seiner Freude liegt noch vor dir." „Freude? o nein!" sagte Noemi und schüttelte den Lockenkops. „Das Bild meiner geliebten Herrin wird mich nimmer verlassen, meine Gedanken werden stets bei Euch weilen — wie könnte mir da noch die Freude lächeln!" Und sie legte das Köpfchen in beide Hände und weinte heftig. „Sei ruhig, mein Kind," tröstete sie Mariamne, „wenn ich auch von dir gehe, mein Geist wird stets in deiner Nähe weilen, 'und meine Liebe wird dir gehören, so lange dein Herz rein von Schuld und Sünde, so lange du fromm und rein sein wirst." Noemi ergriff die Hand der Königin und drückte einen langen herzhaften Kuß darauf, dann hob sie ihre thränenfeuchten Augen zu ihr empor und sah sie mit einem Blicke an, der sagen sollte: „Wahrlich deine Liebe soll keiner Unwürdigen gehören." Lange hielt die Königin sie fest umschlungen - zum letzten Male. Alsdann sagte sie mit erzwungener Ruhe: „Gehe auf dein Zimmer, Noemi, die Nacht bricht an — schlafe wohl!" „Gute Nacht!" erklang es von den bebenden Lippen der Kleinen, in einem Tone, der jedes fühlende Herz erzittern machte, und die tiefe Ergriffenheit des Rindes bekundete." Unruhig wälzte sich Noemi auf ihrem Lager. Erst in der frühen Morgenstunde senkte sich ein süßer Schlummer auf ihre müden Augenlider. Die Sonne schien bereits in ihr Zimmer, als sie erwachte! Doch welche Unruhe im Palast! Überall vernahm man Tritte und Stimmen. Noemi wartete noch immer auf Para, die Sklavin, die zu ihrer Bedienung bestimmt war, sie ankleidete und ihr das Frühstück brachte; endlich kam sie mit Thränen in den Augen und tiefer Trauer im Gesichte. Schweigend ordnete sie die Toilette Noemis, die sich bereits selbst angekleidet hatte, dann brachte sie den Morgentrank. Noemi hatte nicht den Mut, irgend ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Schließlich aber konnte sie die Frage nicht unterdrücken, was denn die Unruhe im Palast bedeute, und Para antwortete ihr schluchzend, daß die Bewegung der Hinrichtung der Königin gelte. Noemi hatte keine Thränen mehr. Sie suchte in den Büchern, aus denen sie der Königin vorzulesen psiegte, die Psalmen heraus und betete andächtig darin. Sie verließ an diesem Tage ihr Zimmer nicht mehr.

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