Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 16 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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238 „Jawohl, das that sie, indem sie sagte, daß sie ihn Luch selbst zurückerstatten werde." — Die Königin wurde nachdenklich und ernst. Sie kannte die Ränkesucht und den haß Salomes gegen sie und dachte: „Daß sie sich den Brief angeeignet hat, läßt mich nichts Gutes ahnen." Noemi gewahrte die Verstimmung und Unruhe der Königin und b? gann zu fürchten, daß durch sie etwas geschehen sei, was derselben Kummer bereite, deshalb sagte sie: „habe ich vielleicht nicht gut gethan, daß ich den Brief aus Händen gegeben, oder daß ich alles erzählt habe?" „Nein, mein Kind, du konntest nicht anders handeln. Aber fetzt gehe auf Dein Zimmer, mein Kind, ich glaube, deine Gespielinnen warten bereits auf dich." Zn dem Gedanken an die bevorstehende angenehme Unterhaltung mit den Töchtern der höheren Beamten, die ihren Umgang bildeten, hüpfte Noemi fröhlich hinaus. Sk mochte wohl eine stunde lang mit ihren Freundinnen gespielt haben, als eine Sklavin zu ihr kam und sie bat, sogleich zur Königin 511 kommen. So befremdlich diese Aufforderung ihr auch vorkam, so leistete sie ihr doch ohne weiteres Folge. U)ie erstaunte sie aber, auch den König im Zimmer Uiariamnes zu treffen. Lr sah heute noch ernster aus als sonst. U)ie eine Bildsäule stand er vor der Königin. Leichenblässe bedeckte sein ernst dreinschauendes Angesicht. Auf einem kleinen Tischchen Kg jener Brief, den Salome dem Kinde abgenommen hatte. Kaum hatte Noemi sich dem Königspaar ehrfurchtsvoll genähert, als die Königin, die ihr jetzt viel blasser als sonst erschien, sie anredete: „Erzähle doch, Noemi, wie du zu diesem Briefe gekommen bist." „Zch fand ihn im Garten an einem Platze, auf welchem ich oft meiner Herrin vorzulesen pflegte." — „Und was thatest du damit?" fragte der König. „Zch öffnete ihn, da ich aber die Schrift nicht zu lesen vermochte, so faltete ich ihn wieder zusammen. Zch hatte die Absicht, ihn Luch zu bringen, weil ich glaubte, daß Zhr ihn vielleicht verloren habt, allein er wurde mir von der Schwester des Königs abgenommen, die ihn Luch selbst übergeben wollte." Der König hatte hierauf nichts mehr zu fragen. U)as er von Noemi gehört hatte, klang so natürlich und wahr, daß er daran gar nicht zweifeln konnte. Und dennoch blieben seine Züge düster wie voeher. Lr schien unbefriedigt zu fein, reichte der Königin stumm die Hand und verließ das Gemach.