Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 15 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Keid) jahrhundertelang im Streben nach der Tinigung umfangen hielt, welch heißes blühen, ja, welch todesfreudiges Ringen hat die Erfüllung dieser Sehnsucht erfordert! Seit dein Tode Barbarossas blieb der Gedanke staatlicher Tinigung nn deutschen Volke lebendig. Und je mehr Kunst und Wissenschaft, Handel und Wandel blühten, desto drückender fand man die Schranken, die die einzelnen deutschen Staaten und Ländchen von einander trennten, desto lebhafter wurde das Verlangen nach einer Tinigung. — Diese herbeizuführen, hat die staatsmännische Klugheit und der eiserne Wille Bismarcks beigetragen. Als erster Ratgeber des mächtigsten deutschen Königs hat er dein deutschen Tinbeitsgedanken zum Siege verholfen. Aber wir Juden haben noch eine besondere Veranlassung, dem „eisernen Kanzler" eine dankbare Erinnerung zu bewahrendmn unter seiner Leitung ist das Gesetz vom j^ahre zu Stande gekommen, welches uns deulschen Duden die volle Gleichberechtigung mit unsern christlichen Brüdern zusichert. Das Bild dieses großen wannes wird aus unser aller Herzen niemals verlöschen. Die Feier des 15. Nb. r>o,t A. Lev y - Kerlin. Äaci) dem Berichte des Radban Simen beu Gamliel galt bis zum Unter gange des jüdischen Reiches der 15. Ab nächst dem Bersöhmmgstage als höchster Feiertag der Israeliten. Die Rürchrichten über die Feier dieses Tageszeigen uns ein rechtes und echtes Volksfest. An ihm herrschte in der Umgebung Jerusalems und anderer Städte eitel Freude. Da waren die Jungfrauen der Stadt ins Freie hinausgezogen, um zwischen den Weinbergen an Spiel und Neigen sich zu ergötzen: fröhliche und neckische wieder erklänge,,, Ewjanchze und Frohlocken. Alle waren, sie gleichmäßig in Weiß gekleidet, jedoch bestand die eigentümliche Vorschrift, daß jede nur in geliehenen (Gewändern erscheinen durste — so brauchten, wie die späteren Erklärer treffend bemerkten, die Ärmeren gegen die Reicheren nicht znrückstehen, und diejenigen, welche kein Festgewand ihr eigen nennen konnten, sondern ans das Entleihen angewiesen waren, brauchten sich nicht zu schämen. Daß dieses seltene und seltsame Schauspiel zahlreiche Zuschauer, besonders Jünglinge heranzog, läßt sich wohl denken, und manche der von den Jungfrauen gesungenen Lieder waren an diese direkt gerichtet. So eines: „Jüngling, überlege wohl, ehe du wählest, siehe nicht auf Schönheit, denn trügerisch ist die Anmut, vergänglich die Schönheit, ein gottesfürchtiges Weib, das allein lvird gelobt."