Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 15 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9622370--1157-9622382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
226 Gymnasiums zum grauen Kloster. Seine leichte Hasiungsgabe und sein Heller Verstand halfen ihm über alle Schwierigkeiten hinweg; er lernte schnell und behielt das Gelernte in gutem Gedächtnis. Ulit besonderer Vorliebe trieb er Geschichte. Im noch nicht vollendeten!7. Lebensjahre bestand er das. Abiturienteneramen und bezog die Universität Gottingen. lvo er 5 Sequester verblieb. Uier führte er ein flottes Leben und verübte so uianchen tollen streich. Die nächsten 5 Semester studierte er in Berlin ui^d bestand \ 8.")5 die erste juristische Prüfung, deiner Ulilitärpfllcht zu genügen, trat er s8.'-8 bei den Gardejägern in l^otsdaiu ein und vollendete sein militärisches Dienstjahr beim Iägerbataillon in Greifswald. Tines Vorfalles sei hier rühmend gedacht, der für den Ulut und die Entschlossenheit Otto v. Bis^uarcks zeugt. Als er \842, inzwischen zum Landwehroffizier vorgerückt, bei einer militärischen Übung in der Bähe des Seees bei Lippehne weilte, sah er, wie sein Reitknecht kchldebrand nnt dem Pferde zu tief in den See geraten war und in der Flut verschwand. In demselben Augenblick warf Bismarck Säbel und Uniform von sich, sprang in den See und rettete mit eigener Lebensgefahr den Verunglückten. Diese menschenfreundliche und heldenmütige That brachte ihm den Orden mit der Inschrift „für Bettung aus Gefahr", den er lange als einzigen Schmuck auf der Brust trug. Bach dent Tode seines Vaters f\S4“>) siedelte er dauernd nach Schönhausen über. Zwei Jahre später vermählte er sich mit Johanna v. s?uttkammer, die ihtu in 47 jähriger The stets eine treue, fürsorgliche Gefährtin gewesen. Durch die vom König von j?reußen ergangene Tinberufung zum „Vereinigten Landtag der Utonarchie" ward Bismarck Gelegenheit geboten, seine rednerische Begabung zu bekunden. Seitdem hatte er sich den Bus eines klugen Staatsmannes und schneidigen Redners erworben. Bald wurden ihm hohe Staatsämter übertragen, so z. B. wurde er s862 zum Gesandten in s?aris ernannt, dann zum Staatsminister und tim 8. Oktober \868 zum Präsidenten des Staatsministerimus. Was er in dieser Stellung und später als Kanzler des deutschen Reiches geleistet hat, das werdet ihr, liebe Kinder, erst begreifen, wenn ihr größer und verständiger sein werdet. Seit dem Jahre s8l)0 lebte der greise Staatsmann auf seinem Schloß in Friedrichsruh, wo er, umgeben von seinen Söhnen Herbert und Wilhelm und von seiner Tochter Gräfin Rantzau, am 50. Juli dieses Jahres sanft entschlief. In der ganzen zivilisierten Welt machte die Trauerkunde tiefen Tindruck. Auf der dem Schlosse gegenüberliegenden Anhöhe befindet sich die letzte Ruhestätte des von aller Welt bewunderten und verehrten Fürsten Bismarck. Um das Verdienst Bismarcks recht würdigen zu können, muß vtan sich eine Vorstellung wachen von der tiefempfundenen Sehnsucht, die das