Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 12 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Stengeln versteckt einen Zettel. Vor Schreck über diese sonderbare Entdeckung entfielen die Blumen ihrer Hand. Erstaunt blockten die beiden Frauen sich an. Die Königin gewann ihre Ruhe bald wieder und nahm den Zettel zur Hand, um seinen Inhalt zu entziffern. Mit immer steigendem Erstaunen las sie: „Teure Königin! Ein treuer und ergebener Unterthan weilt in Eurer Nähe, er hat Euch einen überaus wertvollen Gegenstand abzugeben, — aber er möchte ihn persönlich überreichen, um seiner unglücklichen Fürstin in die treuen Augen schauen zu können." Der Zettel trug keine Unterschrift, die Schrift war griechisch. „Ein gefährliches Schreiben," sagte Alexandra, die erschreckende Überraschung ihrer Tochler teilend. — „Verbirg es um des Himmelswillen, Mariamne, so schnell und sicher, wie Du es nur vermagst; seine Entdeckung würde unsägliches Unglück über uns beide bringen." „Verbergen — aber wohin?" erwiderte die geängftigte Königin. Sie sah sich in dem Gemache nach einem geeigneten Versteck für das Schriftstück um, und mit fieberhafter Angst eilte sie ins Nebengemach, öffnete rasch ein auf einer Konsole stehendes Kästchen, in welchem sie ihre wertvollsten Schmuckgegenstände aufzubewahren pflegte, und legte den Zettel hinein, um sich wieder schnell zu ihrer Mutter zu begeben. Kaum hatte sie ihren gewohnten Olatz eingenommen, als die Thür sich öffnete, und Soem eintrat. U)ie gewöhnlich schweifte sein Blick über das ganze Gemach prüfend und blieb dann an den beiden Frauen hängen. „lvie kommt es, daß das Sträußchen sich von einander gelöst?" sagte er auf die umherliegenden Blumen deutend. „Es war zu leicht gewunden. Ich werde die Blumen wieder zusammenftellen und aufs neue sie winden," erwiderte die Königin mit erzwungener Gleichgültigkeit. Um aber jeden Verdacht und Argwohn bei So8m zu beseitigen, baten die Frauen ihn, ehe er noch zu lvorte kommen konnte, etwas aus seinem (eben zu erzählen. Diese Bitte schmeichelte ihm gar sehr, und es bedurfte auch keiner weiteren Nötigung, so ließ er seiner* Geschwätzigkeit die Zügel schießen. Die beiden Frauen zeigten auch scheinbar großes Interesse für seine Erlebnisse, von denen er eine Stunde lang erzählte. Als Noemi am andern Tage der Königin ihren Morgengruß überbrachte, nahm diese sie ins Verhör. Die Tochter (evis gestand offen und frei, daß sie von dem Zettel in dem Strauße gewußt, welcher von ihrer Mutter auf die Bitte eines jungen Mannes, der bei ihnen seit einigen Tagen krank darniederliege, zwischen die Stengel gesteckt worden war. Die Mutter — so bekannte sie — habe ihr