Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 8 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Ein Fischer, der ihn auf dem Wasser treiben sah, fing ihn auf und brachte ihn am nächsten Freitag, als er seine Fische verkaufen wollte, mit auf den Markt. Da kam zufällig Rabbi Abraham Drechsler, der Fische für den Sabbat einkaufen wollte, bei ihm vorbei. Der Fischer rief ihn an und sagte: „Mein lieber Rabbi Abraham! Ich habe vor einigen Tagen bei dem grossen Wasser einen Baum, einen sehr schönen Baum, aufgefangen, den könntest du wohl brauchen, um viele schöne und gute Sachen daraus zu drechseln.“ „Ich will ihn sehen,“ sagte der Rabbi. Und da er ihm gefiel, so kaufte er ihn und liess ihn sich heimbringen. Doch wie gross war sein Erstaunen und seine Freude, als er beim Zerspalten den ganzen Reichtum fand, den der Geizhals in ihm verwahrt hatte. Wie dankte er Gott für den ihm bescherten Fund. Der Geizhals aber war seit der Unflut in immer grössere Armut geraten, so dass er schliesslich im Lande umherziehend von Almosen lebte. Oft genug konnte er es empfinden,wie einem Armen zu Mute ist, wie wehe es ihm thut, von jemand hart abgewiesen zu werden. Da sprach er einst zu seiner Frau: „Erinnerst du dich noch der Stimme, die einst unser ganzes Vermögen gleichsam raubte? Komm, wir wollen nach Jerusalem ziehen und sehen, ob das Geld und alles andere in den Besitz dieses Mannes gelangt ist, den die Stimme uns damals nannte.“ An einem Freitag kehrten sie bei dem Drechsler ein. Der Tisch war mit silbernen und goldenen Geräten dicht besetzt, denn es war der letzte Sabbat vor der Hochzeit des Sohnes, und dieser Sabbat wurde in alter Zeit besonders festlich gefeiert. Da sahen nun die armen Leute alle kostbaren Pokale, die einst ihnen gehört hatten, hier auf dem Tische stehen; und sie konnten nicht an sich halten und fingen an zu weinen. Als dies die Frau des Drechslers sah, trat sie zu den Armen und fragte nach dem Grunde ihres Schmerzes. Erst wollten sie es nicht sagen. Aber die Frau drang mit Bitten in sie, und so erzählten sie, wie die hübschen Gefässe einst fast alle ihnen gehörten, was die Stimme ihnen zugerufen, wie sie ihr Gut verborgen, und wie dann der Baum hinweggeschwemmt wurde. '„Nun sehen wir alle diese Kostbarkeiten und Kleinodien in eurer Hand. Das ist es, was uns so bewegt.“ Die Frau des Drechslers suchte sie zu trösten. „War alles dies euer Eigentum, so werden wir es euch zurückgeben. Wir haben gottlob genug, so dass wir das eure nicht brauchen." Allein der einstige Geizhals sowohl wie auch seine Frau weigerten sich, etwas anzunehmen. Denn, so meinten sie, wenn sie es hätten haben sollen, so wäre ihnen nicht die Stimme vom Himmel zuteil geworden- Nun müssten sie sich in ihr Schicksal fügen.