Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 8 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Männer vor sich stehen sah, lud er sie ein, an seinem Mahle teilZnnehmen, indem er sagte: „sich will holen ein Stück Brot, und labet ener Herz." sihr wißt aber alle, daß das gastlich dargebotene Stück Brot ein sehr reiches Mahl war, also nicht was der bescheidenste Sinn des Wortes enthält. Oer Psalmist bemerkt: „Brot stärkt des Menschen perz," und in Koheleth lesen wir: „Geh und iß dein Brot in Zreuöen." Bis ans die Gegenwart hat das Wort „Brot" seinen Sinn als Rainen für alle Nahrungsmittel bewahrt. Ls begegnet uns in den verschiedensten menschlichen Verhältnissen, und überall, wo es angewandt wird, geht es ans den Kern der Sache. „Ls ist kein Brot im Panse," könnte man von jeder Familie sagen, in dessen Schoß die Armut weilt und die der Pilse anderer bedarf. wie das vöglein, das flügge geworden ist, allmählich selbst sich Körner und Brosamen sucht, so geht der siüngling ans dem Panse seines Vaters, um selbständig Zn arbeiten und einen eigenen festgegründeten pansstand Zn schaffen; wohl ihm, wenn mann dann von ihm lobend sagen darf: „Cr kann sich sein „Brot" verdienen. Tadel, herber, berechtigter Tadel trifft dagegen den, der, das schöne Vorbild eines fleißigen Vaters und einer geschäftigen Mutter verschmähend, sich deni Müßiggang ergiebt. weil er als Lrbe reicher Eltern Znm Arbeiten sick nicht verpflichtet glaubt; für ihn hat man nur den Ausdruck: „Cr ist nicht wert das Brot, das er ißt." Auch in grammatischen Verbindungen, die bald angenehme, bald unangenehme Vorstellungen erwecken, kommt unser Wort vor. Pier seien nur Zwei Ausdrücke erwähnt: „Broterwerb" und „Brotneid". Jener umfaßt die eigentliche Lebensaufgabe des Menschen, dieser ist vielleicht eine passendere BeZeichnung für „Konkurrenzneid," eine Untugend, die leider gar nicht selten Zur Schattenseite des Broterwerbes wird, indem sie Paß und Feindschaft säet. Va ist ein berühmtes Buch von Goethe, es heißt „Wilhelm Meister". Dieses Werk, voll von trefflichen Gedanken über ErZühung, pflegte auf dem Tische des großen Philosophen jichte und des englischen Schriftstellers Carole Zu liegen, sin diesem Werk findet ihr unter Hunderten schöner Aussprüche eüien, der auf unseren Gegenstand BeZug hat: wer nie sein Brot mit Thränen aß, wer nie die kummervollen Rächte Auf seinem Bette weinend sah, Ver keimt euch nicht, Ihr himmlischen Mächte. „Sein Brod mit Thränen essen", — köinite inan einen treffenderen und wirkungsvolleren Ausdruck wählen für die Rot eines gepreßten Herzens als dieses Goethesche Wort aus dein Klagesang des alten Harfners? Vas bisher Gesagte wird euch, liebe Kiilder, die Erkenntnis gebracht haben, daß das „liebe Brot" in den Geschicken der Menschheit eine wichtige