Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 7 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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109 M!WV Freundlichkeit. Die Schule war aus. In Scharen entströmten die Kinder dem Thorwege des grossen Schulhauses und zerstreuten sich auf der Strasse. Mehr oder minder eilig strebten sie dem Elternhause zu, die meisten in Gruppen zu zweien oder dreien, einige auch allein. Zu den letzteren gehörte ein etwa 12jähriges Mädchen, Martha mit Namen, welche ganz langsam die Strasse hinunterging und so aussah, als ob sich ihre Gedankan eifrig mit etwas beschäftigten. Und das war au§h wirklich der Fall. Der Lehrer hatte am Vormittage in der Religionsstunde besonders eindringlich über einen Text aus den Sprüchen Salomonis geredet, und seine Worte hatten gerade bei Martha einen wunden Punkt in ihrem Herzen berührt und daher einen so tiefer Eindruck auf sie gemacht, dass sie sie nicht vergessen konnte und den Bibelspruch selbst auf dem Nachhause wege wiederholt leise vor sich hersagen musste. Er lautete: „Die Reden des Freundlichen sind Honigseim“ (Spr. Sah 16,24). Etwas spät kam sie zu Hause an und war eben im Begriff, in ihre Wohnung einzutreten, als ihr die Mutter mit dem jüngsten Kinde auf dem Arme bereits entgegen kam und zu ihr sagte: „Wo bleibst du denn nur heute, Martha? Die Kinder aus dem ganzen Hause sind schon lange aus der Schule zurück, und du kommst erst jetzt! Was hast du nur so lange unterwegs gemacht? Hast du garnicht daran gedacht, dass ich dich gerade um die Mittagszeit notwendig gebrauche? Na, nun nimm mir jetzt wenigstens das Kind ab und gehe mit ihm zu den anderen Kindern! Aber gieb auch gut acht, dass sie artig sind und keine Thorheiten begehen. Ich muss in die Küche und nachdem Mittag sehen.“ Martha war nahe daran, eine empfindliche Antwort zu geben. Denn sie dachte bei sich selbst, dass sie doch eigentlich nichts gethan habe, was die Mutter veranlassen könnte, ihr Vorwürfe zu machen. Wohl! sie war nicht so schnell nach Hause gekommen, wie andere Kinder. Aber sie hatte sich doch nirgend aufgehalten und war nur etwas langsamer gegangen, weil sie in Gedanken war. Und waren es nicht gute Gedanken gewesen, die sie beschäftigt hatten, Erinnerungen an die Ermahnungen des Lehrers und gute Vorsätze, dem von ihm angeführten Bibelworte gemäss zu leben? Doch still! wie war doch noch der Wortlaut desselben? Ja so: „Die Reden des Freundlichen . . .“ Also zur Freundlichkeit ermahnte das Wort, und stets freundlich zu sein, hatte sie sich vorgenommen. Und doch war sie eben im Begriff, unfreundlich zu werden, unfieundlich zu antworten, wir sie leider schon oft gethan, ihrer Mutter, die, eine Witwe, so viele Lasten und Sorgen um der Kinder willen