Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 7 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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110 auf ihren Schultern zu tragen hatte. Nein, nein, dachte Martha weiter, das darf nicht geschehen, und darum sagte sie auch zu ihrer Mutter in ganz freundlichem Tone: „Sei mir nicht böse, liebe Mutter, dass ich etwas später kam, ich hatte nicht daran gedacht, dass ich hier zu Hause nötig war, sonst wäre ich gewiss schneller gegangen. Aber jetzt gieb mir nur das kleine Kind und sei ganz unbesorgt auch wegen der anderen Kinder. Ich will sie schon alle in Ordnung halten/' Und damit streckte sie auch schon dem Kinde lockend ihre Arme entgegen und redete ihm so freundlich zu, dass dasselbe sich ruhig von ihr nehmen und ins Zimmer tragen Hess. Hier bot sich Martha bei ihrem Eintritt ein keineswegs erfreulicher Anblick dar, denn die Geschwister waren seit dem Augenblicke, wo die Mutter die Stube verlassen hatte, über einem Spielzeug in einen so heftigen Wortwechsel geraten, dass sie schon nahe daran waren, zu Thätlichkeiten überzugehen, was zum grossen Kummer der Mutter bei ihnen leider nicht zu den Seltenheiten gehörte. Und bei solchen Gelegenheiten hatte sonst wohl auch Martha, obgleich sie die älteste war, sich am Streite beteiligt und dadurch mit zu jenen hässlichen Auftritten Veranlassung gegeben, die der friedliebenden Mutter in ihrem Hause stets höchst verdriesslich waren. Auch heute schienen daher die Geschwister zu warten, dass Martha sich in den Streit mischen sollte; wenigstens drangen alle zugleich mit lautem Schreie nauf sie ein, um sie mit der Ursache ihres Zerwürfnisses bekannt machen und sie für den einen oder andern Partei nehmen zu sehen. Aber sie hatten sich heute darin getäuscht. Denn weit entfernt, sich auch nur im geringsten mit der Sache su befassen, brachte sie es vielmehr durch ihr bestimmtes Auftreten und freundliches Zureden in kurzer Zeit dahin, dass die Wogen der Zwietracht sich legten und die Kinder wieder unter Marthas Leitung zu einträchtigem Spielen miteinander zurückkehrten. Und so eifrig und glücklich waren sie, dass sie es garnicht bemerkten, als die Mutter eintrat, um ihre Kinderschar zum Mittagessen zu rufen. Fröhlich sprangen da alle auf und setzten sich zu Tische, und es schmeckte ihnen prächtig niemand aber besser als Martha, weil sie von der Mutter wegen ihres verständigen Umgehens mit den jüngeren Geschwistern gelobt worden war. Bei Tische kam das Gesprüch zufälliger Weise auch auf Marthas Schule, und da erfuhr denn auch die Mutter, dass der Lehrer so eindringlich vom Freundlichsein der Kinder gesprochen hatte, und wie sie sich ernstlich vorgenommen habe, fortan ihr hässliches, unfreundliches und empfindliches Wesen abzulegen. „Nun, sagte darauf die Mutter, „einen guten Anfang hast du darin schon heute gemacht. Das habe ich sogleich bemerkt, als du nach Hause