Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 7 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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104 — Auf den höhen zogen die Weinberge einen Kranz frisch grünenden Raubes uni die Stadt, und unten warfen Halmen und Olivenbäume ihre anmutigen Schatten, zwischen ihnen hin- und hereilende Menschen, die eifrig mit der Landarbeit beschäftigt waren. Am Himmel das herrlichste Blau, in der Luft die jubilierenden Töne der Vögel und ringsumher blühende Weizenfelder. Da konnte es nicht fehlen, daß die Stimmung unserer jugendlichen Wanderer eine überaus frohe und heitere wurde. Machend und scherzend gingen sie nebeneinander her, bald im Wettlauf sich übend, bald im Steinwurf ihre Kraft prüfend oder sich von dem in der Schule Gelernten unterhaltend. „hier geht es zu der Wohnung des heiligen Mannes," sprach Simon jetzt an einem Seitenpfad siehenbleibend, der sich von der Landstraße abbog. Die Knaben folgten demselben und stießen, nachdem sie einige hundert Schritte diese Richtung verfolgt, auf ein wohlgepflegtes Gärtchen, in dessen Hintergründe man einen Feldberg erblickte, worin sich eine ausgedehnte höhle befand, wohlgeeignet, die natürliche Wohnung für einen Menschen zu bilden, der nicht Anspruch auf Bequemlichkeit macht. Rabbi Jose gehörte der Sekte (Gesellschaft) der Essäer an, die in stiller Zurückgezogenheit lebte und sich nur mit frommen Werken beschäftigte. Diese Leute nahmen nur die zur Erhaltung notwendigsten Lebensmittel zu sich, verschmähten den Besitz weltlichen Vermögens, und wenn ihnen der Zufall solches zuführte, so teilten sie es freigiebig an andere aus. Die Sauberkeit bildete einen Grundsatz ihres Wesens. Zur besonderen Aufgabe machten sie es sich, die körperlichen Leiden der Menschen zu heilen oder wenigstens zu mildern. Deshalb beschäftigten sie sich viel mit dem Aussuchen heilsamer Kräuter, aus denen sie verschiedene Arzeneien schufen, die in vielen Fällen ihre heilsame Wirkung thaten. Dadurch erwarben sie sich den Ruf der Heiligkeit, manche hielten sie sogar für Wunderthäter. Ulan glaubte nämlich, daß einige von ihnen aus Pergament geschriebene Worte es vermögen, denjenigen, der diese bei sich trage, vor Unglück und Gefahren zu beschützen. Was diese Männer aber auch thaten, vollzogen sie ohne jeglichen Gewinn und lediglich in der Absicht, anderen nützlich zu sein. (Fortsetzung folgt.)