Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 6 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 85 — lichen Tracht der polnischen Zuden, trat ein. Es war ein frisches Gesicht, eingerahmt zu jeder Seite von einer langen, rabenschwarzen Locke. Flugs näherte er sich dem Tische und redete die fremden ziemlich geläusig, wenn auch mit fremdartiger Betonung in französischer Sprache an. wie ein Zubelruf entfuhr es den Lippen der Fremden, als sie diese Klänge vernahmen, und der Zunge erschien ihnen wie ein Engel des Lichts in der dunklen Nacht. Sie teilten ihm schnell ihr Erlebnis mit, das er auch sogleich der neugierig harrenden Großmutter berichtete. Schnell wurden die Waßregeln besprochen, die zu nehmen waren, und bald eilten die Fremden mit dem Knaben, der eine Laterne in der Hand trug, nach dem umgestürzten wagen zurück; die j)ferde und die wertvollsten Gegenstände wurden nach dem Häuschen gebracht. Am worgen sollte Hülfe aus dem' Dorfe geholt werden, um den wagen so schnell wie möglich zur we iterfahrt nach Wilna geeignet zu machen. Dies hatte nun seinen regelmäßigen Verlauf. Aber, wenn cs auch nichts Besonderes hätte, daß eine alte Großmutter mit ihrem Enkel in einem einsamen Häuschen haust, so fragen wir doch: wie konnnt ein Knabe in dem entlegenen polnischen Dorfe mitten in den litauischen Wäldern zur Kenntnis der französischen Sprache? Diese Frage wollen wir Euch jetzt beantworten. Es war viele Zahre früher, in den ersten Tagendes wonats Dezember im Jahre als an die Thüre desselben Häuschens, oder der Hütte, die damals an seiner Stelle stand, auch um witternacht heftig geklopft worden, aber damals wurde, als nicht schnell genug geöffnet worden, die Thüre mit Kolbenstößen eingeschlagen. Es waren französische Soldaten, die auf der Flucht aus den Eisfeldern Rußlands im jammervollsten Zustande bis hierher gekommen. Sie drangen in das Haus ein, durchsuchten es nach allen Lebensmitteln und Kleidungsstücken, die sich darin vorfanden, bereiteten sich alsbald ein Wahl und verließen dann eiligst die Hütte. Kleinodien und Gold fanden sie nicht darin, und wenn .sie solche gefunden hätten, sie würden sie liegen gelassen haben. Aber einige Schafpelze und wollene Röcke waren eine willkommenne Beute. Auch das hätten wohl die damaligen Bewohner bald verschmerzt, denn sie waren schon die Beschwerden und Gräuel des Krieges gewöhnt. Aber was rangen sie denn mit jammerndem Her zensgeschrei die Hände den abziehenden Soldaten nach? warum folgten sie ihnen mit flehenden Geberden, mit herzzerreißendem Klagetänen, bis jene die Waffen gegen sie wandten und sie mit Kugeln und Bayonnetten bedrohten? Ach, das alte wütterchen war damals noch eine blühende Frau von ungefähr dreißig Jahren, und neben ihr wehklagte und verfluchte die fremden Frevler ein kräftiger wann in den besten Jahren. Die französischen Krieger hatten das höchste Kleinod dieser armen Leute, ihren einzigen Sohn von fünfzehn Zähren, mitgeschleppt, damit er ihnen als Wegweiser durch die endlosen Wälder bis zur Grenze diene.