Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 5 (1898) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
5 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 78 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9620171-9622086-9622171--0964-9622189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hoffnung war mit dieser Antwort geschwunden, er blieb einen Moment wie betäubt stehen, um sich von diesem harten Schlage zu erholen. Seine, arme Mutter, wie würde sie diese herbe Enttäuschung tragen! An wen sollte er sich doch wenden! Wie den harten Aampf mit dem (eben aufnehmen, wenn niemand seine Dienste wollte! — Thränenden Auges schaut» er vor sich hin, da erblickte er die kleine Nadel, deren Aopf aus dem Schmutze hervorsah, er bückte sich unwillkürlich, reinigte sie und befestigte sie an seinen Rock. Der reiche Banquier, drm die traurigen Blicke, der leise Seufzer des jungen Mannes nicht entgangen waren, hatte ihm vom Fenster seines Arbeitszimmers nachgeschaut und benieifte dies. Er stutzte, dann überlegte er, daß dieser Handlungsweise nach zu urteilen der junge Mann sicher ein sparsamer, kluger, bedächtiger Geschäfts,nann sein würde, und schnell entschlossen klingelte er dem Diener, durch den er den jungen Mann zurückholen ließ. Er hatte sich entschlossen, ihn, doch eine Stelle im Uontor zu geben. Strahlenden Antlitzes nahm sie der junge Mann an. Sparsam und fleißig von früh bis spät, gelang es den, Jüngling, schnell von Stufe zu Stufe zu steigen. Er wurde später sogar Teilnehmer der alten Firma, wurde Schwiegersohn des Prinzipals und hochgeachtet von allen — mit Ehren und Titeln überhäuft. Niemals vergaß er, auch nicht in seinein höchsten Glück, daß ein Werkzeug in Gottes Hand die kleine unbedeutende Stecknadel war, und darum nimmt sie einen Ehrenplatz auf seinem Schreibtische ein, ihn täglich daran erinnernd, daß Gott anch^das Geringste zu einem bleibenden Segen für uns zu gestalten vermag. Schlüsselblümchen und Veilchen unter der Schneedecke. Das Schlüsselblümchen (sich die Äuglein reibend) : Ach, immer noch ists finstre Nacht, Und doch bin ich schon . aufgewacht; Mir ist, als hör' ich Vogelfang. Währt wohl die Winterszeit noch lang? Blauveilchen, hast du nichts gehört, Hat niemand dich im Schlaf gestört? Blauveilchen, ach, gieb mir Bescheid; Ich fürcht' mich in der Dunkelheit. Das Veilchen: Sei still und laß mich doch in Ruh', Und schließ' die Äuglein wieder zu. Glaub' mirs, die Ungeduld sie bricht Und schmilzt doch unsre Decke nicht!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.