Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 5 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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77 weisen lassen, der Tarneval sich am bedeutendsten entwickelt hat, so Z. B. Rom, Venedig, Köln, Mainz, Trier. Wohin die ^nöen im kaufe der Jahrhunderte kamen, nahmen sie ihre alten Bräuche init, von denen viele von den Richtjuden nachgeahmt wurden. So verdankt auch wohl der Zasching dem Purim seine Entstehung. Nur eine Stecknadel. , Skizze von A. M. Witte. Auf dem Schreibtische des einflußreichsten und wohlhabendsten Mannes der Stadt, des Banquiers von Nordmann, steht unter einer kleinen Glasglocke ein blaues Sanimetkisien und auf demselben eine — Stecknadel. Don allen Kostbarkeiten, welche er sein nennt, von allen Kunstschätzen, mit denen seine Gemächer angefüllt sind, hält er diese kleine Nadel hoch und wert, denn ihr verdankt er unmittelbar das Glück seines Gebens. Alles ist vergänglich, und damit ist alles gesagt, verschieden und schließlich doch gleich ist das Höchste und das Niedrigste, denn jedes noch so geringe Ding auf Erden kann in Gottes Hand zum Werkzeuge werden zu Zwecken, die 6etn Blicke des Menscheu verborgen, sich nicht immer so klar erkennen lassen hienieden, als in der Geschichte dieser Stecknadel. Sie war als neue blanke Nadel in den Besitz einer alten Dame gelangt, welche ihre Hutschleife damit zusteckend, sie gleich mit auf die Straße nahnr. Die kleine Stecknadel, welche ihren höchsten Wunsch erreicht sah, zur Toilette verwendet zu werden, arbeitete ihr Köpfchen nach uud nach immer weiter empor, um bequem alles zu überschauen; mit der Miene unbeschreiblicher Selbstbefriedigung um sich blickend, reckte sie sich höher und höher, bis sie das Gleichgewicht verlor und zur Erde fiel. Ihre Hoffnung, daß ihre Herrin sie vermissen, oder ein vorübergehender sie erblicken und aufheben würde, erfüllte sich nicht; mehrere kleine und große Füße traten sichtlos auf sie, sogar der nägelbeschlagene Stiefel eines Arbeiters schritt über sie hinweg. Dieser letzte Fußtritt vernichtete alles, was sie an Zugendmut und Hoffnung besessen, denn es schwand durch den Staub und Schmutz, mit dem sie überzogen, jede Aussicht, daß ein Mensch auf sie achten würde. Indessen die kleine Stecknadel einsehen lernte, daß ihr Werk doch wohl ein eingebildetes gewesen, weil man sie verderben und rosten ließ, trat aus einem eleganten Hause der Straße ein junger Mann, dessen geistvolles, feines Gesicht Spuren tiefster Sorge, Enttäuschung und Entbehrung trug. Nach vielen vergeblichen Gängen hatte er auch hier vergeblich um eine Stelle in denn großen Bankgeschäft gebeten, doch auch hier hatte der Ehef des Hauses ihn abschlägig beschieden, da das Personal schon überzählig; seine letzte