Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 5 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Die Riste wurde aufgemacht und von oben bis unten durchsucht, aber von einem Vermögen wollte sich nichts zeigen. Schon wollte der Gemeindevorsteher wieder gehen, als der eine der beiden Zeugen einen Strumpf auf dem Boden der Riste entdeckte. Er hob ihn auf und richtig, es war etwas darin — ein Papier, sorgsam zusammengefaltet und mit einer Aufschrift versehen, die aber niemand lesen konnte, denn sie war hebräisch. Man holte einen Juden herbei. Die Aufschrift lautete: An den Herrn Salomon Maier Rothschild in Wien. „Donnerwetter!" platzte der Gemeindevorstand heraus, „das laste ich mir gefallen. Gin Hausierer, der sein vermögen bei Rothschild hinterlegt!" Nun gings an den Inhalt des Schreibens. Da war freilich feine Rede von einem Vermögen. Der Brief lautete ganz einfach: Herr von Rothschild, ein armer Hausierer vermacht Ihnen seine sieben Rinder. Sie werden sie nicht verderben lassen." Der Gemeindevorsteher war wie aus den- Wolken gefallen. „Ist das ein Ginfall," murmelte er daun, „dem Rothschild seine Rinder zu vermachen! Der wird sich bedanken für so eine Grbschaft. Der Abraham ,nuß nicht bei Tröste gewesen sein." Was war zu thun? Der Gemeindevorsteher trug die Sache den Ortsältesten vor. Giner sagte dies, der andere jener, aber zuletzt kamen sie alle darin überein, daß man den letzten Willen des Verstorbenen ehren und den Brief an Salomon Maier Rothfchild^absenden müsse. Und so kam denn Herr Baron Salomon Maier Rothschild eines schönen Morgens auf seine-Schreibstube und fand unter anderen Briefschaften auch die sonderbare Hinterlassenschaft des Hausierers Abraham. Rothschild überlegte nicht lange. Gr ließ einen Buchhalter rufen und sprach: „Da, .sehen Sie, was ich für ein Glück gemacht habe. So eine Grbschaft habe ich mir nicht träumen lasten. Aber was der Herr uns beschert, das darf man nicht zurückweisen. Machen Sie sich sogleich fertig, nehmen Sie Geld mit, was Sie glauben, und fahren Sie hin in das galizifche Nest, tasten Sie die sieben Rangen gehörig waschen und kämmen, kaufen Sie ihnen saubere Wäsche und Rleider, und bringen Sie mir sie her. Das Weitere wird sich finden. So kamen die Rinder Abrahams nach Wien und wurden die Adoptivsöhne und -Töchter von Baron Salomon Maier Rothschild. Abraham hatte keine Fehlbitte gethan. Rothschild versorgte die Sieben so gut, daß Abraham seine Freude daran gehabt hätte, wenn er sie hätte sehen können. Gr ließ die Rinder auf das beste erziehen, machte aus den Rnaben tüchtige Geschäftsmänner und verheiratete die Mädchen, wobei er es natürlich an ehitf Au-steuer nicht fehlen ließ.