Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 5 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Aber er ließ deshalb den Mut nicht sinken. „Ist Luch nicht bange, Abraham," fragte den Hausierer eines Tages die Pfarrersköchin, einer seiner besten Runden, „was einmal aus Euren Rindern wird! Ihr seid alt, und die Rinder sind noch alle klein. Gott behüte Euch, denn wenn Ihr sterben solltet, ehe sie sich ernähren können, das gäbe ein Unglück." „Ein Unglück ist es immer," erwiderte Abraham, „wenn die Rinder den Vater verlieren, da haben Sie ganz recht, liebes Fräulein Ehriftine. Ein um so größeres Unglück wäre es bei mir, da die Rinder auch keine Mutter mehr haben. Aber wie kommen Sie nur vor? . Halten Sic mich doch nicht für einen leichtsinnigen Mann. Mb Sie mir's glauben oder nicht, Fräulein Thristine, aber ich sage Ihnen, für meine sieben Rinder ist gesorgt." Die Pfarrersköchin machte große Augen. Sollte der Jude sich nur so arm stellen und geheime Schätze haben? Was man einer pfarrersköchin anvertraut, bleibt nicht lange Geheimnis, und so kam es bald ums ganze Dorf herum, der Hausierer Abraham habe heidenmäßig viel Geld, und jedes von seinen Rindern bekäme nach seinem Tode zehntausend Gulden. Abraham lächelte dazu und schwieg. Er war nicht stolz aus sein Vermögen und ging nach wie vor mit seinem Bündel von Haus zu Haus, bis er eines Tages unter der Last zusammenbrach. Der Gemeindediener brachte ihn nach Haus zu seinen sieben Rindern, es wurde der Arzt geholt, und die pfarrersköchin schickte ihm abends eine Suppe, denn sie hatte den Abraham immer sehr gern gesehen wegen seines Humors. Aber er erholte sich nicht wieder. Von Tag zu Tag wurde es schlechter mit ihm. Als er sah, daß es zu Ende gehe, ließ er den Gemeindevorsteher zu sich bitten. „Nun, Abraham," sagte dieser, „Ihr wollt mir wahrscheinlich Mitteilungen machen wegen des Vermögens, das Ihr, wie ich gehört habe, Euren Rindern hinterlasset." „Jawohl", seufzte der Hausierer, „das will ich. So hören Sie denn meinen letzten Willen. Auf dem Boden oben steht eine Riste. Sie ist fest vernagelt, und außerdem hängt noch ein Vorhängeschloß daran. Hier ist der Schlüssel dazu. Die Riste lassen Sie ausmachen, wenn ich tot bin. Sie enthält das Vermögen meiner sieben Rinder." Noch an demselben Abend hauchte Abraham seinen letzte,! Seufzer aus. Weinend umstanden die Sieben das Totenbett. Am Morgen daraus kam der Gemeindevorsteher ins Sterbehaus. „Seid ruhig," tröstete er die armen Würmer, „für Euch ist gesorgt. Ich gehe jetzt aus den Boden und lasse in Gegenwart von zwei Zeugen die Riste öffnen, worin Euer Vermögen liegt."