Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 5 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9622171--0952-9622177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
68 Die Waldfee. Eine Geschichte aus dem Leben. Von I. Sontowsky. (Schluß.) Wer beschreibt das Erstaunen der Familie Scherkoff, als plötzlich die Thür aufgeht und zwei kleine Gnomen erscheinen? Die kleinen Rinder fürchteten sich zwar anfangs, als sie aber Obst und Süßigkeiten erhielten, beruhigten sie sich bald und lachten herzlich über die drollige Rede, die Frau Winter den Rnaben eingeübt hatte. Mama aber blickte unverwandt nach der Thür, ihr ahnte, daß sich dort noch Schöneres verberge und in seliger Vorfreude erwartet sie das kommende Glück! Nun war es ins Zimmer hereingeschwebt mit goldenen Flügeln, goldenen haaren, dein weißen, sternenbesäten Gewand und dem blitzenden Diadem, hereingeschwebt ins düstere Gemach der Armut. Die Rinder verstummten in scheuer Bewunderung, selbst über das blaffe Antlitz der Mutter huschte ein Lächeln. Und Mama? Sprang sie der reizenden Fee entgegen? Jauchzte sie vor Freude und Entzücken? Nichts von alledem, das Mädchen steht noch immer unbeweglich, die großen, weitgeöffneten Augen unverwandt auf die liebliche Erscheinung gerichtet. Obwohl sie in der schönen Fremden die Dmne erkannte, die vor einiger Zeit so freundlich und liebevoll zu ihr gesprochen, glaubte sie doch nicht, daß alles mit rechten Dingen zugehe: sie erwartete jedenAugenblick, daß die Fee ihr 'erzählen würde, wie sie neulich die Gestalt des jungen Mädchens nur angenommen habe, um sie zu prüfen. „Liebe Mama," hörte sie nun die Freunde mit weicher, süßer Stimme sprechen, „Du bist ein gutes, zärtliches Rind, deshalb kam ich zu Dir, um Dir eine Freude zu bereiten." Dann wandte sie sich an die Mutter und fuhr fort: „Durch Ihre Rleine habe ich von Ihrer Rrankheit gehört und auch erfahren, daß der Arzt Ihnen gute pflege und eine Helle, gesunde Wohnung empfohlen hat, nun ist es mir nnt Hilfe meiner Rollegen gelungen, eine kleine Sunnne aufzubringen, die Sie für einige Zeit vor Entbehrungen schützen soll." „Möchten Sie," — hier richtete Frau Winter ihre Rede an Herrn Scherkoff,— „eine Stelle als Hausverwalter annehmen? Mein Onkel sucht einen ehrlichen, zuverlässigen Mann, und als solcher sind Sie mir von allen, bei denen ich mich nach Ihnen erkundigt habe, gerühmt worden; das Haus liegt in einem kleinen Städtchen, acht Stunden von hier, dort finden fleißige Arbeiter stets Beschäftigung; Sie werden in eine freundliche, gesunde Wohnung ziehen können, und da wird sich Ihre Frau gewiß b ld erholen." „O, tausend Dank," unterbrach sie die blasse Mutter, „der hinnnel lohne Ihnen, was Sie an uns armen Leuten gethan haben!" Herr Scherkoff sprach eingehend mit Frau Winter über die Verwalterstelle, die er natürlich nnt Freuden annehmen wollte. Unterdessen packten die beiden Rnaben die Riste aus und je-