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Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 3 (1898) · p. Seite 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
3 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 41 (sequence 10)
Language
German
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41 genartiger Sprachweise und ihrer Bewegungen verlacht und verspottet werden. Aber sie verdienen am allerwenigsten von den Deutschen wegen ihrer jüdisch-deutschen Mundart verhöhnt zu werden. Denn gerade diese ihre Ausdrucksweise ist ein Zeichen ihrer Treue und Anhänglichkeit an Deutschland. Aus diesem wurden ihre Vorfahren ausgewiesen und vertrieben. Sie verloren alles bei ihrem Wegzüge; nur die deutsche Sprache retteten sie und brachten sie mit nach Polen. Auch auf ihre Nachkommen vererbten sie das deutsche Wort; nur vermischten diese es mit jüdischen Ausdrücken, und so entstand jene eigenartige, allerdings wenig angenehm klingende Form. Wenig angenehm ist auch ihre Lage. Die meisten ernähren sich recht kümmerlich als Schneider, Schuhmacher, Kutscher, Händler u. s. w. Schlimmer aber als die Armut müssen sie ihre Schutz- und Rechtlosigkeit empfinden. Hat ein menschenfreundlicher Ratgeber des Kaisers ein Gesetz erlassen, welches ihnen etwas mehr Freiheit und Menschenrecht einräumt, so kommt bald ein anderer und weist nach, dass ein früherer Erlass, womöglich eines längst verstorbenen Ministers, irgend welche Rücksichtnahme und Freundlichkeit gegen Juden nicht gestattet. Nur in einer Hinsicht sind unsere polnischen Glaubensgenossen den andern Landesbewohnern des Landes gleichgestellt. Sie werden gleich diesen zum Militärdienste herangezogen. Aber dieses Recht verwandelte sich unter dem Kaiser Nicolaus I. zum schreienden Unrecht; der freudig zu erfüllende Dienst fürs Vaterland wurde zur Sklaverei. Jener Herrscher Hess nämlich die Israeliten scharenweise unter die Soldaten einreihen, auch solche, die durchaus nicht den körperlichen Anstrengungen des Heeresdienstes gewachsen waren. Um einem solchen Schicksal zu entgehen, flüchteten viele über die Grenze, zumeist nach Preussen und Österreich. Diese Flucht sollte den Israeliten nun unmöglich gemacht werden. Darum erliess der Kaiser den Befehl: Alle Israeliten, die in einer Entfernung von 7 Meilen von der Grenze wohnen, haben ihren Wohnsitz zu verlassen und sich im Innern des Landes anzusiedeln. Wer das nicht von selbst innerhalb einer bestimmten Frist thäte, sollte gewaltsam weggebracht werden. Könnt ihr euch denken, was das heisst, seinen Wohnsitz verlassen zu müssen, fortzuziehen von Haus und Herd an einen ganz fremden Ort, wo man niemand kennt und von niemand gekannt wird; keine Mittel besitzt, um sich und die Seinigen zu ernähren;; wo man sich erst einen Erwerbszweig suchen muss, während dieses Kuchens aber elend zu Grunde gehen kann? Wenn ihr das euch vorstellen könnt, dann werdet ihr das Jammern und Wehklagen jener Unglücklichen verstehen; dann begreift ihr, dass sie innige Gebete zum Himmel emporsandten um einen Retter, einen Helfer in ihrer bedrängten Lage.

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