Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 3 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620171-9622086-9758562--0912-9622137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Familie ganz in Anspruch, so daß die Bangigkeit immermehr und mehr schwand. Etwa drei Monate nach der Abreise Adolfs fand die schlichte Feier der Vermählung der beiden Töchter statt, und einige Tage später mußten sich die Eltern auch von diesen beiden Rindern trennen, da diese ihren Männern nach deren Mohnort folgten. Jetzt war es gar still und einsam in der Wohnung Naftalis. Das zunehmende Alter gestattete beiden nicht mehr wie früher die Ausübung ihres Berufes in: vollen Umfange. Dazu fehlte ihnen jetzt auch das erforderliche Rapital; denn sie hatten ihr Töchter reichlich ausgestattet, um ihnen das Fortkommen in dein neugegründeten Hause zu erleichtern. Mußten die Alten sich auch manche Entbehrung auferlegen, so fühlten sie sich doch glücklich in dem Bewußtsein, für das Glück der Rinder nach Kräften gesorgt zu haben. Das Glück und Wohlergehen der Rinder ist der Eltern größtes Glück und höchste Freude, und in der Fürsorge für die Rinder erblicken sie ihre heiligste Aufgabe, ihre unverletzliche Pflicht. Nach der Verheiratung der beiden Töchter gab Naftali die bisher innegehabte größere Wohnung auf und bezogen eine billigere, kleinere, wo er einen Rleinhandel betrieb, der ihn und feine bescheidene Gattin dürftig nährte. So wäre das Leben der Alten ein freudeloses gewesen, wenn sie nicht öfter Brief von den Rindern erhielten, in denen sie den guten Eltern von ihren: Wohlergehen mitteilten und ihnen immer wieder ihre Dankbarkeit und hohe Verehrung zu erkennen gaben. Unzählige Male wurden die Briefe gelesen und die Schreiben machten die Runde bei Nachbarn und Freunden. Jeder sollte die Freude teilen, und die braven Eltern fanden auch überall aufrichtige Teilnahme, wenn aber von Adolf ein Brief aus der weiten, weiten Ferne anlangte — und das geschah alle vier Wochen — da gab es immer für Naftali und fein Weib einen Festtag, In größeren Zwieschenräumen schrieb der strebsame Jüngling aus Wien, Paris, London und schließlich aus Hamburg. Alle seine Briefe enthielten die freudige Mitteilung von seinem Wohlbefinden, seinen Fortschritten und mannigfachen Erlebnissen, die einem Wanderburschen nur begegnen können. In lebhaften Farben schilderte er ihnen Land und Leute, die er kennen lernte, das Leben und Treiben in den Weltstädten, in den Werkstätten und Fabriken, kurz, wie er mit Aufmerksamkeit die Vorgänge um sich her beobachtete, so naturgetreu nnd ausführlich waren feine brieflichen Schilderungen. Rannst Du, mein lieber Leser, wohl die Erwartung begreifen, mit der die biederen Alten der Ankunft eines solchen Briefes entgegensahen, und die Freude nachfühlen, die sie beim Lesen desselben empfanden? Fast drei Jahre hindurch dauerte der regelmäßig? Briefwechlel zwischen Eltern und Sohn. Doch wer beschreibt die Überraschung des greisen Paares als es einen Brief erhielt, dessen Stempel'auf seine Herkunft aus Amerika