Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1898-01-01 · 2 (1898) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
4 (1898)
Issue
2 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 22 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/9620171-9622086-9622113--0895-9622121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22 mußte sicherlich jedes Vorurteil gegen Bekenner eines andern Glaubens ablegen und in dem Menschen nur das Ebenbild Gottes achten und lieben lernen, der da ist die Liebe und die Zuversicht der Bedrängten für und für! W Nachdem man das Gesellenstück einer längeren Prüfung unterzogen und M als dieses würdig befunden wurde, richtete noch der Zunftobere folgende Morte an Adolf: | „Fahren Sie, junger Mann, fort in Ihrem Eifer und Fleiße wie bisher, und Sie werden unferm geliebten Vaterlande, Ihren Glaubensgenossen p Ihrem Lehrmeister, sowie der ganzen Innung Ehre machen." Die Morte: Vaterland, Glaubensbrüder . . . trafen tief ins jugendliche Herz des neuen Gesellen, schwellten hoch seine empfindende Seele, der folgende Erwiderung entströmte: „Indem ich Ihnen, meineherren, für Ihre liebevolle Ermahnung und Ermunterung ineinen innigsten Dank abstatte, gelobe ich hierum bei unserer Innungsfahne, daß mich in der Merkstätte wie auf der Manderschaft nur der Gedanke an das teure Vaterland, an meine lieben Glaubensbrüder, wie an die hochbiedere Tischlerinnung, die mich armen Anaben in ihre verehrte Mitte aufgenonnnen — daß, sage ich, mich dieser Gedanke nie und nimmermehr verlassen soll!" hierauf erhoben sich die anwesenden Herren, tief ergriffen von dem herzentquollenen Dankgefühle des jüdischen Jünglings, drückten ihm nochmals die Hand und — Adolf war freigesprochen. Die kleine «Auskunftszeche,» wie das «Freimahl» auf der Tischlerherberge gänzlich vorübergehend, weil dies zu geringfügig ist, die Freude im Llternhaufe des neuen »Gesellen* nicht schildernd, weil zu groß, weil es um möglich ist, die Gefühle des Mutterherzens bei solcher Gelegenheit durch Morte zu malen — wollen wir nur soviel berührt wissen, daß gerade am 3. Jahrestage von jener Zeit, wo die Mutter aufseufzte, „weil sie ihren Sohn zum Tischler erziehen mußte," in Naftalis Hause ein sonderliches heiteres Fest stattfand; ein Freudenmahl für den neuausgelernten Handwerker und seinen gewesenen Lehrmeister. Dolfi saß im „Freigewand," neben ihm stand der Toilettenspiegel auf dem Tische, und nie war die fleißige Hausmutter so eitel und stolz gewesen wie gerade heute. Jeden Augenblick fand sie es nötig, in den von ihrem »geschickten Dolfi« angefertigten Spiegel zu blicken, und als hätte sie in die Sonne gesehen, so befeuchtete sich stets beim hineinschauen in den Dolsischen Spiegel ihr sanftes Mutterauge, bis denffelben eine Thräne entperlte. Uni die trübe Laune der Mutter zu verscheuchen, stimmte der treuherzige Sohn im Vereine mit seinen gewesenen Leidensgefährten — Lehrjungen — die sich auch zur Beglückwünschung eingefunden, jenes wohlbekannte jüdische „Arbeiterlied" aus voller Brust an:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.