Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- 2 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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21 verleihe Dir die Kraft und Ausdauer, mein süßes Kind!" betete die fromme Mutter, so oft sie die Arbeit ihres „geschickten Sohnes ' stolz und freudig ihren Nachbarinnen zeigte. Die Lehrjahre waren so vorüber gegangen, und Adolf sollte endlich, um seine Freisprechung zu erhalten, ein sogenanntes «Gesellenstück» verfertigen. Beim Obervorsteher der Tischlerinnung war eben »Handwerk/ d. h. Zunstversanimlung. Den Borsitz führte ein Magistratsrat als Innungskommissar, ihm zur Rechten saß der Ober-, links der Untervorsteher, die übrigen Plätze am runden Tisch, nahmen die Meister ein, während der Einsag-oder Jung, meister," d. h. der jüngste Meister bei der Thüre stehend, die freizusprechenden Jünger aus dem Borzimmer einzeln vor die löbliche Arbeiterversam nlung lud. Nebst dem Riesenbuche und dem Schreibzeugs auf dem Tische bemerken wir noch im weiten Saale die Abzeichen der Tischlerkunst, die «geweihte Lade,» worin alle Papiere, Dokuinente, Urkunden der ehrsamen Zunft aufbewahrt liegen und die heute, wie bei jeder feierlichen Gelegenheit offen stand. Das »Gesellenstück« unseres Adolf bestand aus einem Toilettenspiegel. Als er vorgeladen, das geschmackvoll angefertigte Stück nebst Lehrzeugnis der würdigen Bersammlung vorlegte, und nachdem die Formalitätsfragen und Antworten, als: „U)as ist Dein Begehr?" — „Ich bitte eine ehrsanie Zunft mn Freisprechung als Geselle," und nachdem auch die Erkundigung beim Meister hinsichtlich der Aufführung, Verwendung während der Lehrzeit beendigt waren, erhob sich der Zunftobere von seinen, Sitze, ungefähr folgende Ansprache an ihn richtend: „Bon, heutigen Dato sind Sie sreigesprochen. Die Gesellen müssen zu Ihnen «Sie» sagen; jedoch dürfen Sie die schuldige Ehrerbietung vor Ihrem Meister nie außer Acht lassen, müssen sich anständig und fleißig betragen; haben sich pünktlich an die Zunftordnungen und -regeln zu halten, und werden hiermit als Geselle ins Innungsbuch eingetragen. Ich gratuliere." „Mir gratulieren!" riefen die Anwesenden alle, denen er der Reihe nach die Hand küßte. „Und ich gratuliere abermals, lieber Adolf!" rief sein gewesener Lehrmeister in wahrhaft teilnehmender Freude zu ihm. Ein seliger Traum schien unfern, Adolf der ganze Hergang. Da ermannte er sich endlich, fiel weinend seinem guten Lehrmeister un, den hals und rief: „Ich danke Ihnen .... ich will Ihrer mein Leben lang in Treue und Liebe gedenken." „Auch ich werde Deiner niemals vergessen, Du treue ehrliche Seele!" versetzte mit bebender Stimme der gerührte Lehrmeister: „Gott verleih' Dir Glück und Segen . . ." Und wer den christlichen Meister hier stehen sah, wie dieser so liebreich, so väterlich die Hand des jüdischen Jünglings fest in der setnigen hielt, oder