Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 24 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 379 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/9620171-9626621-9622063--0842-9622074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
379 fliessen. In älterer* Zeit dehnte sich hier ein undringlicher Bruchwald aus, den die Wenden oder Sorben zum Zufluchtsort nahmen, als sie vor den Deutschen nach Osten hin weichen mussten. Die Nachkommen derselben wohnen noch heute im Spreewalde und haben nach Art ihres Stammes die väterliche Sprache und Sitte bewahrt. Ein Teil des Spreewaldes ist in meist künstlich erhöhtes fruchtbares Wiesen- und Gartenland verwandelt; ein anderer Teil bildet noch jetzt eine beträchtliche Waldmasse. Die herrschende Holzart ist die Erle; doch findet man auch Eschen, Buchen, Eichen, Weiden und Kiefern; auf den höheren Stellen wuchern Vogellbeeren und Faulbaum als Unterholz. Ausser einigen unbedeutenden Sandhügeln oder Horsten ist alles ebene Fläche. Da die ganze Gegend von zahllosen Flussarmen oder Fliessen und künstlichen Kanälen durchzogen ist, so müssen die Bewohner des Spreewaldes alles, was anderswo zu Fuss, zu Pferde oder zu Wagen abgemacht wird, in Kähnen verrichten, die man aus Baumstämmen zimmert. Mit grosser Geschicklichkeit wissen die Bewohner des Spreewaldes diese zu regieren, und pfeilschnell treibt man sie durch das Wasser. Alle Ausflüge und Besuche macht man zu Kahne ab. In festlichem Schmucke fährt man in Kähnen zur Kirche. Auf Kähnen folgen die Leidtragenden der Leiche eines Verstorbenen, welche im Kahne nach dem Gottesacker gebracht wird. Der Förster besucht zu Kahne sein Revier, verfolgt zu Kahne den Holz- und Grasdieb, fährt zu Kahne zur Jagd. Der Wildstand ist reich: Hirsche, stark an Leib und Geweih, viele Rehe, auch Birkhühner und Bekassinen. Der Fremde, welcher zur Sommerszeit diese Gegend besucht und zu Kahne bereist, hat einen reichen Genuss. Die hohen uralten Eichen, Erlen und andere Baumarten, welche die Ufer besäumen, bieten in der Sommerschwüle einen erpuickenden Schatten und spiegeln ihr dunkles Laub lieblich in dem klaren Wasser. Unter einem Laubdache gleitet das Fahrzeug sanft dahin. An den Flussarmen klappern Mühlen, und freundliche Häuser verleihen der Landschaft den Charakter der Wohnlichkeit. Gewöhnlich liegen die Häuschen auf kleinen Erhöhungen unter dem Schatten mächtiger Eichen, gleich kleinen Burgen mit Gräben rings umschlossen und durch Brücken, hohe Dämme und Fusssteige verbunden. Die Gegend von Burg gilt als besonders malerisch. Im Winter schnallt sich, sobald das Eis hält, alle Welt Schlittschuhe an. Das arme alte Mütterchen, dass sich Raff- und Leseholz sammelt, der Holzhauer, der Förster, Männer, Weiber und Kinder, alle gleiten dann pfeilschnell über die spiegelblanken Kanäle, um der Arbeit oder dem Vergnügen nachzugehen. Jeder Schlittschuhläufer trägt eine lange Stange in der Hand, um sich, sollte er einbrechen, über dem Waiaer erhalten ru können, —__