Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 24 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 376 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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376 schuldigung? Ihr habt Recht; denn in den meisten Fällen sind es Langschläfer oder Schlenderer, die unpünktlich zur Schule kommen. Anders bei Trudchen. wie ihr schon aus der Überschrift ersehen habt, war Trudchens Vater ein „Luiupensammler," wenigstens wurde er so von groß und klein genannt, womit zugleich gesagt werden soll, daß er nicht mit Glücksgütern gesegnet war. Im Gegenteil. Gr war von Hause aus ein geschickter, fleißiger uud sparsamer Schneider, dieser Abraham Wender; aber das Glück war ihm nie- 'uals hold gewesen, und der schwerste Schicksalsschlag für ihn war, daß er infolge einer geringfügigen Verletzung, der er nicht genügende Beachtung geschenkt hatte, den rechten Zeigefinger verlor, wodurch er an der ferneren Ausübung seines Handwerkes für alle Zeit verhindert war. Da er kein vermögen besaß und seine Familie nach Brot schrie, nmßte er zu dem nicht beneidenswerten Erwerb eines Lumpensammlers seine Zuflucht nehmen. Ihn, däuchte dieser erniedrigende Beruf imiuer noch ehrenvoller als der eines Bettlers. So stand er denn täglich vor Tagesanbruch auf, rnn die außerhalb der Stadt aufgeschütteten wüll- und Schutthaufen abzusuchen und die etwa noch verwertbaren Gegenstände daraus aufzulesen. Bei uns Juden galt es stets als des Rindes heilige, liebe Pflicht, den Eltern in ihrenr Erwerb, und wäre er noch so wenig verlockend, Hilfe zu leisten, und schon frühzeitig unterzog sich das jüdische Rind dieser Pflicht. So finden wir auch unser Trudchen alle worgen, während die anderen glücklicheren Rinder noch im sanften Schlunnner in ihrem warmen Bettchen lagen, an der Seite ihres Vaters eifrig beschäftigt, mit einem eisernen haken aus dem wüll alles aufzustöbern und hervorzuziehen, was andere Leute als wertlos in den wüllkasten geworfen hatte«, was ihr Vater aber noch zu Geld zu machen wußte. Diese gewiß nicht verlockende Beschäftigung dauerte manchen Tag länger, wenn nämlich die wüllabfuhr eine umfangreichere gewesen war. Und da Trudchen nach der Arbeit hurtig nach Hause eilen mußte, um sich zu säubern — denn die Arbeit war, wie ihr, liebe Rinder, euch wohl denken könnt, keine reinliche—, so kam es vor, daß sie trotz der größten Beschleunigung, ja oft ohne Frühstück gegessen zu haben, mit einer Verspätung in die Schule kam. Sie wäre ja auch so gern pünktlich gewesen, aber konnte sie Brauchbares auf dem Schutt liegen lasten und so des Vaters kärglichen Verdienst schmälern? Als Trudchens Wutter noch lebte, hat das Rind im Bett bleiben können, bis es Zeit war, zur Schule zu gehen, dann hatte die gute wutter die Arbeit gethan. Nachdem diese aber gestorben war, hatte sich Trudchen aus eigenem Antrieb angeboten, ihre Stelle, so gut sie es konnte zu ersetzen. Stillschweigend war sie, als sie den Vater vor Tagesgrauen aufstehen hörte, ebenfalls leise aufgestanden, hatte ihm Suppe gekocht, wie sie es von der wutter manchmal gesehen, ihm den dicken Überrock zurecht gelegt, sich mit dem Vater auf den weg gemalt und draußen tüchtig Hand angelegt. Der Vater dachte bei