Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 24 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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375 „Das Rind hat Vater und Mutter! Du sollst abends, wenn wir allein sind, alles erfahren, lieber Mann! Litern besitzt man nur einmal, und als Onkel und Tante wollen wir Mariechen lehren, nie zu vergessen, sondern stets zu beherzigen und bethätigen: „Lhre Vater und Mutter!" Dies sei unser Gelöbnis im Angesicht des strahlenden Thanukahlichtes!" L n d e. Lumpensammlers Trudchen. Erzählung von Bettina Gutfeld. Seit einiger Zeit besteht die lobenswerte Einrichtung, daß den größeren Rindern der Gemeindeschulen Pflanzen übergeben werden, die sie hegen und pflegen und zur Entwickelung bringen sollen. Heut war der große Tag gekommen, an welchem in der sechsten Gemeindeschule zunr ersten Riale die Verteilung der Blumentöpfe vor sich gehen sollte. Die erste Rlaffe, 59 Mädchen, im Alter von 12—14 Jahren, standen erwartungsvoll in der Aula, wo die Verteilung stattfand. Ein Rind nach dem anderen wurde hervorgerufen und erhielt sein Blumentöpfchen nebst einer Anweisung zur richtigen pflege desselben. Nach den großen Ferien sollten die Töpfe zur Besichtigung wieder in die Schule gebracht werden, und diejenige Schülerin, deren Blumen sich am schönsten entwickelt, also die sorgsamste pflege erhalten hatten, sollte durch eine Prämie ausgezeichnet werden. Nachdem der Rektor dieses verkündet hatte, gingen die Rinder wieder in ihre Rlaffe. Welch hübscher Anblick war das, als sie von dannen gingen, die Töpfe fest an sich gedrückt, um sie vor einer unsanften Berührung mit der Nachbarin zu bewahren, und mancher kleine Wildfang hat wohl noch nie so vorsichtig und bedächtig den Weg in die Rlaffe zurückgelegt wie jetzt. Heller Jubel beseelte die Schar, und eine süße Ahnung von der Be, stimmung der Frau, die ja im Hegen und Pflegen ihr höchstes Glück findet, durchzog die jungen Gemüter. Nur ein blasses, schmächtiges Mädchen schlich sich traurig an den Glücklichen vorbei, — es hatte keine Pflanze erhalten. Diese Zurücksetzung sollte eine Strafe für ihr häufiges Zuspätkommen sein. „Du mußt erst lernen pünktlich zur Schule zu kommen," hatte der Lehrer zu Trudchen gesagt, „ehe wir Dir einen Blumentopf anvertrauen können; denn er erwartet pünktliches Begießen, regelmäßiges Sonnen, Abstauben, Lüften u. f. w." Ach, diese Strafe traf Trudchen schwer u«d schwerste sie um so mehr, als sie eigentlich unverdient war. Ja, hätte der Lehrer den Grund für ihr unpünktliches Eintreffen in der Schule gewußt, wahrlich er würde milder geurteilt und dein Mädchen eine so empfindliche Strafe nicht erteilt haben. Ihr meint nun, liebe Leser: Giebt es denn für Verspätungen eine Ent- J: